Kamera? Roboter? Mensch! Das Festivalmotto des 26. ILB

Maria Reva © Anya Chibis
Maria Reva © Anya Chibis

Liebes Publikum,

»You are born with your face turned everywhere«. Ist das eine Kamera? Ein Roboter? Eine Drohne? Nein! Kameras, Roboter und Drohnen werden nicht geboren. Menschen dagegen schon. Wir sind von Beginn an offen und neugierig auf unsere Umwelt. Wir schauen in alle Richtungen. Das verbindet uns, unabhängig davon, woher wir kommen oder unter welchen materiellen Bedingungen wir aufwachsen. Von dieser Offenheit erzählt unser diesjähriges Festivalmotto.

Wir können in alle Richtungen schauen, aber wollen wir das immer? Man verliert leicht die Orientierung, wenn man den Kopf überallhin dreht. Als denkende Wesen können wir bewusst entscheiden, womit wir unsere Zeit verbringen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Was wir lesen. Auch das macht uns als Menschen aus.

Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal etwas von Dave Eggers las. »A Heartbreaking Work of Staggering Genius«. In diesem Titel lag ein Versprechen, und in der zugleich komischen und ungeheuer traurigen Geschichte über einen jungen Mann, der in kurzer Zeit beide Eltern verliert und sich um seinen minderjährigen Bruder kümmert, wurde es eingelöst – auf ekstatische Weise. Ich spüre die Aufregung bis heute. Seitdem habe ich verfolgt, was Eggers geschrieben hat, war nicht immer auf die gleiche Weise überzeugt davon, aber immer gespannt, was von ihm kommen würde. Dieses Jahr stellt er auf dem ILB »Contrapposto« (Ü: Andrea O’Brian) vor, einen Künstlerroman, der einen Bogen von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart schlägt.

Ich las Eggers etwa zu der Zeit, als ich im Sommer 2006 einige Zeit in Berlin verbrachte, kurz nach dem Abitur. Mein Freund kaufte mir damals in einem Laden auf der Torstraße, den es schon lange nicht mehr gibt, ein schwarzes T-Shirt, das eine Schildkröte zeigt. Darunter steht: »Speed Kills«. Das T-Shirt ist für mich mit einer bestimmten Vorstellung von Berlin verbunden. Berlin steht für die Entscheidung, Dingen ein eigenes Tempo zuzugestehen, so wie die Kunst und Literatur es brauchen. Das Klischee vom Leben im Café entspricht selbst für die meisten Schreibenden heute nicht unbedingt den Tatsachen, aber es bleibt ein Traum von der Stadt, in der ein Leben mit Kunst möglich ist. Dazu gehört Langsamkeit.

Es ist kein Zufall, dass in mehreren Romanen, die Sie dieses Jahr auf unserem Festival erleben können, Schnecken vorkommen. Auch im übertragenen Sinn bewegen sich viele der Texte mit entschleunigtem Erzählgehäuse. Etwa die Gedichte von Dinçer Güçyeter, Petr Hruška, Halyna Kruk, Ben Lerner und Eileen Myles, die bei unserer »Poetry Night« lesen. Erstmals führt dieses Jahr ein Teil des Programms durch die Nachbarschaft der Berliner Festspiele.

Ben Lerner ist auf dem Festival nicht nur mit Gedichten zu erleben, sondern hat auch seinen neuen Roman im Gepäck, den er zusammen mit dem Künstler Thomas Demand vorstellt. In »Transkription« (Ü: Nikolaus Stingl) zerstört die Hauptfigur zu Beginn versehentlich ihr Smartphone – was unweigerlich Folgen für die Handlung hat. Welche, das erfahren Sie bei uns.

Literatur ist nicht so schnell wie die Pushnachrichten auf unseren Geräten. Sie entsteht über Monate und Jahre, nicht in den Millisekunden zwischen Prompt und KI-generiertem Resultat. Die Hauptfigur in Maria Revas »Ein Königreich für eine Schnecke« (Ü: Stephan Kleiner) etwa reist in einem zum Labor ausgebauten Van durch die Ukraine, auf der Suche nach seltenen Schneckenarten, die sie zu schützen versucht. Eine überraschende Perspektive auf das Land, das momentan meistens im Zusammenhang mit Krieg in den Nachrichten vorkommt.

Überhaupt sucht sich die interessanteste Literatur ihre Themen nicht in den Nachrichten. Daniela Catrileo blickt in ihrem Roman »Chilco« vom Zentrum Chiles an seine Ränder: Ein junges Mapuche-Paar verlässt die Hauptstadt, doch auf der Insel Chilco findet es nicht die erhoffte Ruhe und Heilung. Ein Geruch nach Fäulnis liegt in der Luft. Überall in dieser Landschaft lauert Verfall und die Gespenster der Vergangenheit lassen die beiden nicht los. Ein Fiebertraum, eine Erzählung von Freundschaft und Liebe.

Von Orten, die viele von uns lieber vergessen würden, erzählen Mariia Niskavaara, Munir Hachemi und Manik Sarkar. Zusammen mit ihren Übersetzer:innen stellen sie bei »Schlachten. Neue europäische Stimmen« ihre Romane vor, die von Saisonarbeit auf einer Hühnerfarm in Südfrankreich handeln, von einem Schlachthaus in Finnland und einer Metzgerei in den Niederlanden. Nicht immer leichte Kost, doch umso nachhaltiger.

In Vigdis Hjorths »Der gute Mensch von Sandvika« (Ü: Gabriele Haefs) wird eine Eckkneipe in Oslo zum Treffpunkt einer Gemeinschaft sozialer Outcasts, die ein Lotto-Gewinn unverhofft trifft. Hjorth ist so schonungslos ehrlich wie eh und je. Die Art, wie sie die Verletzlichkeit und Abgründigkeit des menschlichen Wesens zeigt, hat mich froh gemacht über eine Welt, in der solche Bücher entstehen. Bücher, die Sie bei uns auf dem Festival erleben können.

Ich hoffe, wir sehen uns im September.

Ihre Simone Schröder
Programmleitung

Außerdem gut zu wissen:

  • Wir vergeben wieder 100 Festivalpässe an in Berlin lebende Autor:innen. Wer professionell schreibt, kann sich bis zum 23. August 2026 hier registrieren und nimmt an der Verlosung teil.
  • Am 5. September findet unser »Graphic Novel Day« statt. Für 5 Euro gibt es einen Tagespass, der Zutritt zu allen Comic-Veranstaltungen und der Artist Alley garantiert.
  • Neugierig auf junge deutschsprachige Literatur? Dann kommen sie zu unserem Debütabend »Radikal gegenwärtig« mit Ilija Matusko und Anna Schapiro.