23. ilb 06. – 16.09.2023

»Ein beglückender, inspirierender literarischer Ausnahmezustand«

Dr. Simone Schröder [Programmleiterin] und Christoph Rieger [Programmleiter Internationale Kinder- und Jugendliteratur]
Dr. Simone Schröder [Programmleiterin] und Christoph Rieger [Programmleiter Internationale Kinder- und Jugendliteratur]

Programmleiterin Dr. Simone Schröder und Christoph Rieger, Programmleiter der Sektion Internationale Kinder- und Jugendliteratur, sprechen über einen literarischen Hattrick, die Autor:innen des diesjährigen Festivals und ihre persönlichen Geheimtipps.

Das ilb bringt zum 22. Mal die Literaturwelt nach Berlin. Worauf freuen Sie sich ganz besonders in diesem Jahr?
Simone: Es kommen wieder viele internationale Autor:innen nach Berlin gereist. Das wird schön, sich wieder vor Ort im Haus der Berliner Festspiele zu begegnen. Besonders freue ich mich, dass wir zum ersten Mal Bernardine Evaristo, Zadie Smith und Margaret Atwood gewinnen konnten. Sie waren alle drei noch nie beim ilb. Wir haben sie immer wieder eingeladen und jetzt hat es endlich geklappt – ein Literatur-Hattrick… (lacht).

Was macht das ilb aus?
Christoph: Mit seiner literarischen Vielfalt, seiner Internationalität und seiner Jahr für Jahr aufs Neue höchst ambitionierten, bisweilen vielleicht sogar überfordernden Programmgröße ist das ilb für mich ein beglückender, inspirierender literarischer Ausnahmezustand.

Simone: Man kann beim ilb einige der ganz großen Namen der internationalen Literatur live erleben und es gibt viele neue Stimmen zu entdecken. Das sind Autor:innen, die vielleicht erst in einem oder zwei Jahren ins Deutsche übersetzt werden, wenn überhaupt. Wer auf der Suche nach Ideen für die eigene Leseliste ist, wird bei uns auf jeden Fall fündig. Wir wollen beim Festival nicht nur kommerziell erfolgreiche Literatur vorstellen, sondern Literatur, die Haltung beweist, sowohl ästhetisch als auch was die großen gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit angeht. Wir haben ganz verschiedene Formate im Programm: von Poetry Nights, Comic-Lesungen und kurzen Vorträgen über politische Panel-Diskussionen bis hin zu Konzerten – aber das klassische ilb-Format ist die literarische Lesung. Meistens geht eine Veranstaltung nur etwas länger als eine Stunde. Es gibt ein längeres Gespräch und zwischendurch lesen Schauspieler:innen oder die Autor:innen selbst für etwa eine Viertelstunde aus dem Text. Anschließend hat man im Publikum die Möglichkeit, Fragen loszuwerden und sich ein Buch signieren zu lassen.

Das ilb bietet nicht nur dem erwachsenen Publikum ein Leseerlebnis, es macht auch Programm für jüngere und jüngste Leser:innen. Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Christoph: Im Zentrum unseres jungen Programms stehen auch in diesem Jahr vor allem internationale Bilder-, Kinder- und Jugendbücher sowie Comics, die literarisch bzw. bildästhetisch bemerkenswert sind und von relevanten Themen unserer Zeit in dramaturgisch spannender Form erzählen. Unsere Bücher nehmen junge Menschen ernst, sie begegnen ihnen auf Augenhöhe und setzen sich auf inspirierende Weise mit den Risiken und Nebenwirkungen des Erwachsenwerdens auseinander – und all das in einer etwas mutigeren, wilderen oder vielleicht auch nur literarischeren Form, als man das von Literatur für junge Leser:innen vielleicht erwarten würde. Viele unserer internationalen Gäste – Autor:innen wie auch Illustrator:innen – treten erstmalig in Berlin oder Deutschland auf und stellen ihre Bücher als Premieren vor.

Gibt es im jungen Programm neben den klassischen Lesungen noch andere Formate?
Christoph: Ja, die Besonderheit unseres jungen Programms ist die Gleichzeitigkeit von großen Autor:innenlesungen für tausende Besucher:innen im Haus der Berliner Festspiele und kleinen Workshops in ganz Berlin, bei denen Berliner Schüler:innen Bücher von Autor:innen in andere Kunstformen übertragen und weiterentwickeln. Durch Kooperationen mit dem THEO-Literaturpreis und dem Treffen junger Autor:innen ermöglichen wir zudem Jung-Autor:innen, erstmals im Rahmen eines Festivals vor großem Publikum aufzutreten.

Haben Sie Tipps, wie jungen Leser:innen die Auswahl einer guten Lektüre erleichtert werden könnte?
Christoph: Welche Bücher für junge Leser:innen lohnenswert sein könnten, spiegelt sich nicht nur in unserer Programmauswahl, sondern gleichzeitig in unserer Auszeichnung »Das außergewöhnliche Buch«. Hier küren unsere eingeladenen Autor:innen und Illustrator:innen ihre literarische Favoriten für junge Leser:innen.

Wer nicht in Berlin sein kann, geht trotzdem nicht ganz leer aus, richtig?
Simone: Während der Pandemie haben wir unser digitales Programm massiv ausgebaut. Uns hat sehr gefallen, wie leicht es plötzlich geworden ist, Menschen auf der ganzen Welt die Teilhabe am Festival zu ermöglichen. Das wollen wir beibehalten, deshalb gibt es auch in diesem Jahr wieder fast 50 Livestreams, die man sich während des ilb kostenlos auf unserem YouTube-Kanal ansehen kann. Unter anderem haben wir Zadie Smith im Gespräch mit Daniel Kehlmann sowie Margaret Atwood im Gespräch mit Jan Wagner. Aber auch Streams mit Daniel Cohn-Bendit und Jana Hensel (Der Kampf um Freiheit und Demokratie – wie weit muss er gehen?) oder eine Lesung aus ukrainischen Kriegstagebüchern mit Ulrich Matthes und Hildegard Schmahl.

Christoph: Eine bemerkenswerte Lesung ist natürlich live vor Ort am Eindrücklichsten. Gleichzeitig freue ich mich sehr, durch unser Digitalprogramm auch einige Veranstaltungen unseres jungen Programms dauerhaft online verfügbar zu machen, wie zum Beispiel mit Mieko Kawakami oder Bernardine Evaristo. Vor allem auch für Besucher:innen, die nicht ohne weiteres nach Berlin anreisen können.

Zum 22. ilb kommen mit Margaret Atwood, Zadie Smith und Bernardine Evaristo einige der ganz großen Namen der Gegenwartsliteratur nach Berlin. Das Festival stellt dem Publikum aber auch immer wieder junge und kommende Autor:innen vor. Wer sind Ihre Geheimtipps für 2022?
Simone: Ich empfehle gerade allen Vigdis Hjorth. In ihrer Heimat Norwegen ist sie berühmt, hierzulande kennt sie kaum jemand. Noch. Das ändert sich hoffentlich, wenn nächstes Jahr ihr neuer Roman bei S. Fischer auch auf Deutsch erscheint. Wie Hjorth einen in die Gedanken ihrer Figuren hineinzieht, ist fantastisch gemacht und das in einer irren Sprache, die voller Anspielungen ist. Die Themen sind dabei gar nicht so wichtig. Hjorth ist schon über 60. An jüngeren Autor:innen freue ich mich besonders auf die Gedichte von Jay Bernard – Shootingstar der britischen Lyrikszene –, die junge katalanische Autorin Irene Solà und Elisa Shua Dusapin, eine junge Schweizer Schriftstellerin mit franko-koreanischen Wurzeln.

Christoph: Angeline Boulley, die Eröffnungsrednerin unseres jungen Programms, ist in den USA bereits ein Shooting-Star der Jugendliteratur. Für ihr Debüt »Firekeeper’s Daughter« erhielt sie mit dem Printz-Award die wichtigste Jugendbuchauszeichnung in den USA. Außerdem wird das Buch gerade von der Produktionsfirma der Obamas für Netflix verfilmt. Dem hochspannenden Thriller über eine junge indigene Frau wünsche ich auch in Deutschland viele Leser:innen.

Worauf achten Sie bei Ihrer Programmauswahl?
Simone: Wir versuchen in unserem Programm, die ganze Vielfalt der Gegenwartsliteratur abzubilden. Es geht darum, sprachlich außergewöhnliche Texte zu finden, interessante Genremischungen, aber auch packende Geschichten und Stimmen, die man noch nicht so oft gehört hat. Wir finden, dass es beim Schreiben keine Tabus geben darf und Autor:innen sich nicht selbst zensieren sollten, sofern die Art des Erzählens Komplexität anstrebt, unsere Welt in vielen Facetten zeigt, präzise beobachtet und einfühlsam beschreibt. Auch Hässliches und Trauriges sollte seinen Platz haben, denn es ist Teil unserer Welt.

Mit über 150 Autor:innen kommen auch über 150 verschiedenen Geschichten nach Berlin. Gibt es trotz dieser Vielfältigkeit Themen, die sich wie ein roter Faden quer durchs Programm ziehen?
Simone: Das Spektrum ist auf jeden Fall weit. Einige thematische Schwerpunkte des 22. ilb sind aber die Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und der Klimakrise, sowie ein Blick auf postsowjetische, arabische und feministische Literatur.

Christoph: Die Bücher unseres Programms zeigen seismografisch, wie es sich anfühlt, jung zu sein, mit welchen Herausforderungen Kinder und Jugendliche beim Coming-of-Age konfrontiert sind und wie sie an Problemen wachsen, weil sie ihre Lebensumwelt nicht nur passiv zur Kenntnis nehmen, sondern diese bewusst nach ihren Vorstellungen gestalten.