23. ilb 06. – 16.09.2023

Ottó Tolnai

Ottó Tolnai wurde 1940 in Kanjiza in der ungarischsprachigen Region Vojvodina im heutigen Serbien geboren. Er studierte Hungarologie und Philosophie an den Universitäten in Novi Sad und Zagreb. 1956 veröffentlichte er seine ersten Beiträge in Zeitschriften. 1963 erschien sein erster Gedichtband „Homorú versek“ (Ü: Hohle Gedichte), eine Sammlung freier Verse. 1965 begann er mit dem Schreiben von Texten für die Literaturzeitschrift „Új Symposion“ (Ü: Neues Symposium), deren Chefredakteur er später wurde. Es handelte sich hierbei um ein wichtiges literarisches und politisches Forum, in dem sich die ungarische Avantgarde bis zum Verbot der Zeitschrift 1972 frei äußern konnte. Gemeinsam mit István Domonkos publizierte er den Gedichtband „Valóban mi lesz velünk“ (1968; Ü: Was wird denn mit uns), in dem er mit konkreter und visueller Poesie experimentierte. 1969 folgte der nur scheinbar autobiographische Debütroman „Rovarház“ (Ü: Insektenhaus), der durch seine formale Konstruktion als Kollage erstmals die bis dahin vorherrschenden linearen Erzählkonventionen in der ungarischen Gegenwartsliteratur durchbrach. Anfang der siebziger bis Mitte der neunziger Jahre arbeitete Ottó Tolnai als Kulturredakteur des ungarischsprachigen Programms von Radio Novi Sad. Neben Dramen, Romanen, Gedichten und Kinderbüchern schrieb er Artikel und Kunstkritiken für die Zeitschrift „Jelenkor“. Seit 1993 ist er Chefredakteur der Zeitschrift „Ex Symposion“. Für seine Lyrik, Prosa, Theaterstücke und Essays, die in rund dreißig Bänden sowohl in Ungarn als auch im ehemaligen Jugoslawien veröffentlicht wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1991 den Attila József Preis. Mit „Ich kritzelte das Akazienwäldchen in mein Heft“ (2002) lag erstmals ein Prosaband in deutscher Übersetzung vor. In vier Erzählungen, die durch kleine Verweise lose miteinander verbunden sind, lässt Ottó Tolnai seine Protagonisten auf ihr Leben zurückblicken. In ihren inneren Monologen wuchern Erinnerungen, stehen Fiktives und Erlebtes gleichwertig nebeneinander, und skurril-surreale Anekdoten vermischen sich mit Beschreibungen eines ländlichen Alltags. Der Autor verwendet eine klare, dennoch poetische Sprache und verleiht seiner nichtlinearen Erzählweise durch Wiederholungen und leitmotivisch wiederkehrende Metaphern Struktur. Die Literaturkritikerin Ilma Rakusa urteilte: „Tolnai intoniert keine Klage, sondern legt das Alltäglich-Ungeheuerliche seinen Figuren in den Mund… Ungemein suggestiv entwirft Ottó Tolnai eine Welt, deren elementare Archaik ans Gewalttätige grenzt, ohne einen Rest von Poesie zu verleugnen.“ Während seiner Zeit als DAAD-Stipendiat entstand der zweite, in deutscher Sprache vorliegende Erzählband „Eine Postkarte an Don Dukay. Neun Geschichten aus der Provinz“ (2005): Es beschreibt den Sommer in einem kleinen Dorf, im Mikrokosmos der Bewohner verbirgt sich eine ganze Welt… Ottó Tolnai lebt in Palics.

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