22. ilb 07. - 17.09.2022

Khaled Khalifa

Khaled Khalifa wurde 1964 in Aleppo, Syrien, geboren. Er studierte Jura in Aleppo und war Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Alif«, eines kritischen Forums für experimentelles Schreiben. Zu Beginn der 1980er-Jahre war er Mitglied des Literarischen Forums an der Universität Aleppo, aus dem eine Reihe wichtiger Dichter hervorging. Anschließend begann er Romane zu schreiben und verfasste außerdem zahlreiche Drehbücher für Kinofilme und Fernsehserien, die von renommierten syrischen Regisseuren realisiert und mehrfach ausgezeichnet wurden.

Seinen ersten Roman »Haris al-khadi’a« [1993; Ü: Der Wächter des Betrugs] bezeichnete Khalifa selbst als Akt der Befreiung von den Vätern des arabischen Romans. Der Bruch mit überkommenen Vorstellungen von Ort und Zeit, die Suche nach einer eigenen Sprache und Tabubrüche − sowohl auf inhaltlicher wie auf stilistischer Ebene − zeichnen alle seine Romane aus. In »Dafatir al-qurbat« [2000; Ü: Die Hefte der Zigeuner] entwirft Khalifa in einem eleganten Stil, der über realistisches Schreiben hinausgeht und den Dialog umgeht, eine Welt, die zugleich legendenhaft und real ist. Der dritte Roman, »Madih al-karahiya« [2006; Ü: Lob des Hasses], kam auf die Shortlist des International Prize for Arabic Fiction. In der Beurteilung der Jury hieß es, es sei »die Narration der Erfahrung einer doppelten Repression im Schatten der fundamentalistischen Organisationen innerhalb einer Gesellschaft, in der keine Demokratie herrscht, mittels einer vielschichtigen Sprache und von Figuren, die zerrissen vor den Fragen der Zukunft stehen«. Die Handlung dreht sich um eine Aleppiner Familie der Mittelschicht, die im Teppichhandel tätig ist, in den frühen 1980er-Jahren, einer Zeit der heftigen Konfrontation zwischen den syrischen Muslimbrüdern und der Regierung. Die Enkeltochter erzählt von der Geschichte ihrer Familie, vom Wandel von einer gemäßigten hin zu einer extremistischen Haltung in einer Stadt, in der das Zusammenleben verschiedener Konfessionen und Nationalitäten stets existenziell war. Im Gefängnis trifft die Erzählerin auf Angehörige anderer religiöser wie auch politischer Gruppen und erfährt dadurch eine Öffnung gegenüber dem bisher als Feind vorgestellten anderen. 2013 erschien sein Roman »La sakakin fi matabikh hadhihi al-madina« [dt. »Keine Messer in den Küchen dieser Stadt«, 2020], der es ebenfalls auf die Shortlist des International Prize for Arabic Fiction schaffte und die Naguib Mahfouz Medal for Literature gewann. Die Stadt Aleppo ist Protagonistin in dieser Familiengeschichte, die die Zeit von 1960 bis über die Jahrtausendwende hinaus umspannt, das Assad-System von Angst und Kontrolle beleuchtet und die syrische Tragödie vorwegnimmt. Khalifas jüngster Roman »Lam yusil ’alayhum ahad« [2019; dt. »Keiner betete an ihren Gräbern«, 2022] beschreibt hundert Jahre syrischer Geschichte und Kultur anhand des Schicksals einer Familie.

Khaled Khalifa war 2007 Gast des renommierten International Writing Program an der University of Iowa. Er lebt in Damaskus.

Stand: 2022