Jean-Claude Mourlevat

Portrait Jean-Claude Mourlevat
© Hartwig Klappert

Jean-Claude Mourlevat wurde 1952 in der Auvergne, Frankreich, geboren und studierte in Straßburg, Toulouse, Stuttgart, Bonn und Paris. Zunächst arbeitete er als Lehrer in Frankreich und Deutschland und absolvierte nebenher eine Theaterausbildung. Mit seinen Solo-Programmen »Anatole« (1987) und »Guedoulde« (1990) trat er mehr als 1.200 Mal auf und widmete sich in den folgenden Jahren vor allem als Schauspieler, Clown und Pantomime dem Theater. 1990 verließ er den Schuldienst, um Dramen von Brecht, Cocteau und Shakespeare zu inszenieren. 1997 begann er, für Kinder und Jugendliche zu schreiben und legte mit »La Balafre« (1998; Ü: Die Gesichtsnarbe) sein erstes Buch vor. Seitdem hat er Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane publiziert, die von Kritik und Lesern begeistert aufgenommen wurden.

Mourlevats Texte sprechen die Intelligenz des Herzens und der Seele an. Seine Geschichten kreisen um Aufbruch, Abschiednehmen und Unterwegssein: »Für etwas zu sterben, um für etwas anderes neu geboren zu werden. Jenen Menschen auf Wiedersehen zu sagen, die im Dunkel verschwinden und bereits die Silhouette von anderen zu erkennen, die sich ankündigen und die man ebenso verlassen wird, eines Tages. Ist nicht unsere Kindheit und Jugend jener Ort unseres Lebens, an dem sich all dieses am intensivsten sammelt?« Spannend, humorvoll und poetisch erzählt Mourlevat von Kindern in außergewöhnlichen Lebenssituationen und den Abenteuern skurriler Tierfiguren – wie in »La ballade de Cornebique« (2003; Ü: Die Ballade von Cornebique) über einen Ziegenbock, der Banjo spielt und Blues singt. Mutig, frisch und dynamisch machen sich seine Figuren auf, ins Land der Phantasie zu reisen und märchenhafte Prüfungen zu bestehen. Doch Mourlevat bleibt nie ausschließlich in der bunt imaginierten Welt: Der reale Lebensalltag, Einsamkeit, Melancholie, Gewalt und das Schmerzhafte des Lebens charakterisieren ebenso das Fundament seiner Geschichten.

Angelehnt an Perraults »Der kleine Däumling« erzählt Mourlevat in »L’enfant Océan« (1999; Ü: Das Ozeankind) ein modernes Märchen über sieben Brüder, die eines Nachts ihr Elternhaus verlassen, um vor einer furchtbaren Bedrohung zum Meer zu fliehen. Von ihrem kleinsten Bruder Yann geleitet, geraten die Brüder immer mehr in eine irreale Welt. Vielstimmig formiert sich der Roman aus der Perspektive einer Sozialarbeiterin, die Yann helfen will, oder eines Lastwagenfahrers, der die Geschwister ein Stück des Weges begleitet. Das Werk wurde mit dem Prix Sorcières (2000) ausgezeichnet. In Mourlevats bezauberndem Roman »La rivière à l’envers. Part I: Tomek« (2000; dt. »Tomek – Der Fluss, der rückwärts fließt«, 2007) macht sich der dreizehnjährige Tomek auf die abenteuerliche Suche nach dem Wasser des Flusses Qjar, das unsterblich machen soll. Wie in vielen seiner Werke finden sich auch hier Referenzen zu Kinderbuchklassikern und seinen eigenen Geschichten. Ebenfalls Anfang 2007 erschien in deutscher Sprache »Hannah«, der zweite Band aus der Reihe »Der Fluss, der rückwärts fließt«.

Wie »Ferien vom eigenen Schreiben« ist für Jean-Claude Mourlevat das literarische Übersetzen. So übertrug er verschiedene Kinder- und Jugendbücher aus dem Deutschen, u.a. Michael Endes »Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer« sowie »Jim Knopf und die Wilde 13«. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in der Nähe von Saint-Etienne.

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