Vigdis Hjorth ist Autorin. Sie wurde in Oslo geboren und studierte Philosophie, Literatur und Politikwissenschaft. Sie debütierte 1983 mit dem Kinderbuch »Pelle-Ragnar i den gule gården« (Ü: Pelle-Ragnar im gelben Haus), für das sie den Debütantenpreis des Norwegischen Kulturministeriums erhielt. Es folgten vier weitere Kinder- und Jugendbücher, die vor allem Liebe und Sexualität thematisieren. Hjorth wurde von der Kritik für ihre Fähigkeit gelobt, sich dem Thema aus der Perspektive eines Kindes ohne moralische Wertungen zu nähern. So handelt der 2011 verfilmte Roman »Jørgen + Anne er sant« (1984; dt. »Tilla liebt Philipp«, 1992) von einem zehnjährigen, selbstbewussten Mädchen, das ihre Mitmenschen oft mit ihrem eigensinnigen Verhalten brüskiert, bis sie sich das erste Mal verliebt.
1986 veröffentlichte Hjorth ihren ersten Erwachsenenroman »Gjennom skogen« (Ü: Durch die Wälder) über eine junge Frau, die ihre Sexualität erforscht. Mit »Drama med Hilde« (1987; Ü: Drama um Hilde) gelang Hjorth der Durchbruch als Autorin von Erwachsenenliteratur. Insgesamt veröffentlichte sie seitdem etwa dreißig Werke, die sich vor allem mit den existenziellen Problemen des Menschen befassen. Als literarische Vorbilder für ihr Schreiben nannte sie Dag Solstad, Bertolt Brecht und Thomas Bernhard. »Om bare« (2001; dt. »Die Liebeskur«, 2003) gilt als ihr wichtigster und als Schlüsselroman. In »Hjulskift« (2007; Ü: Reifenwechsel) reflektiert die Autorin auf humorvolle Weise die Beziehung zwischen einer Akademikerin und einem Autoverkäufer sowie die Probleme von Geschlechterrollen und Klassenunterschieden. In »Tredve dager i Sandefjord« (2011; Ü: Dreißig Tagen in Sandefjord) beschreibt sie den eigenen Gefängnisaufenthalt nach einem Verkehrsdelikt. »Et norsk hus« (2014; dt. »Ein norwegisches Haus«, 2015) erzählt von einer Misanthropin, die an ihrem Rückzugsort in der idyllischen Landschaft Norwegens an Grenzen stößt. »Arv og miljø« (2016; dt. »Ein falsches Wort«, 2017) handelt von einer angesehenen Theaterautorin, die ein inzestuöses Kindheitstrauma in sich trägt, das schließlich im Konflikt mit ihren Geschwistern eskaliert. Das Buch löste in Norwegen eine Debatte aus, nachdem Verwandte Hjorths es als autobiografisch interpretiert und sich bloßgestellt gefühlt hatten. Auch auf der Frankfurter Buchmesse 2019 war es eines der meistdiskutierten Bücher des Gastlandes. Hjorths Romane »Er mor død« (2020; Ü: Ist Mutter tot) und »Gjentakelsen« (2024, dt. »Wiederholung«, 2025) greifen das Thema Familie erneut auf und behandeln eine traumatische Mutter-Tochter-Beziehungen. In ihrem jüngsten Roman »Det gode mennesket i Sandvika« (2025, dt. »Der gute Mensch von Sandvika«, 2026), führt die Autorin ihre Leser:innen an einen Ort, den die Literatur eher selten betritt: Eine Eckkneipe im Osloer Vorort, die eine Schar von Außenseiter:innen beherbergt, deren Schicksal ein Lottogewinn ins Wanken bringt.
Hjorth ist in Norwegen bekannt für ihre Essays, in denen sie u. a. rassistisches Verhalten und Sexismus im Alltag kritisiert. Für ihr Werk wurde sie mit dem norwegischen Kritikerprisen und dem Bokhandlerprisen ausgezeichnet und war für den Literaturpreis des Nordischen Rates, den National Book Award sowie den International Booker Prize nominiert. Nach längeren Aufenthalten in Kopenhagen, Bergen, der Schweiz und Frankreich lebt die Autorin heute in Oslo.
Stand: 2026
