Im Gespräch mit Jeet Thayil über seine Vision eines Festivals im Festival, das Schreiben jenseits von Genregrenzen und das diesjährige Festivalmotto.
Lieber Jeet, Dein Programm beim ILB ist darauf ausgelegt, literarisches Schreiben mit Improvisation, Performance und Musik zusammenzubringen. Schreiben gilt oft als isolierter, einsamer Beruf. Performance hingegen lebt von der Interaktion mit dem Publikum und von Risiken, die dem redaktionellen Prozess weitgehend fremd sind. Wie überbrückt Deine Kuratierung diese beiden Seiten?
Ich denke, die meisten Schriftsteller:innen würden zustimmen, dass Einsamkeit ein unverzichtbarer Bestandteil des Prozesses ist. Es hilft, allein in einem Zimmer zu sein, mit oder ohne Aussicht. Einsamkeit ist das Entscheidende, und ihre stetige Präsenz kann süchtig machen. Für jemanden, der den Großteil des Arbeitstages allein verbringt, ist es daher eine völlig neue Disziplin, mit anderen Menschen zu arbeiten und insbesondere mit anderen zu performen. Die Art und Weise, wie die Schriftsteller:innen des 26. ILB mit Musiker:innen und anderen Autor:innen zusammengebracht werden, ist eine Möglichkeit, die zwei gegensätzlichen Welten des Buchs und der Bühne zu verbinden. Noch ein abschließender Gedanke: Improvisierte Performance riskiert immer das Scheitern. Aber genau das ist Teil der Faszination. Wenn Künstler:innen gut genug sind, sind selbst die Misserfolge ihre Zeit wert. Als Referenz möchte ich auf Jazzmusiker:innen verweisen: John Coltrane in den späten 1950er Jahren, jener Stil, den Kritiker:innen später »sheets of sound« nannten. Oder Miles Davis experimentelle Arbeit der 1980er Jahre, die selbst heute noch avantgardistisch klingt.
Du präsentierst Künstler:innen aus sehr unterschiedlichen Traditionen und Praktiken. Wie hast Du sie ausgewählt?
Ich habe nach Schriftsteller:innen gesucht, die Musikalität in ihren Zeilen tragen, die Musik auf eine lebendige und direkte Weise wahrnehmen. Und ich habe nach Musiker:innen gesucht, die Sprache, und insbesondere gesprochene Sprache, auf eine unmittelbare Art hören. Ich habe außerdem nach Autor:innen Ausschau gehalten, die es gewohnt sind, ihre Arbeit performativ vorzutragen, die wissen, wie man eine Bühne nutzt, wie man das Publikum versteht, wie man Stille einsetzt, Zäsur, Kadenz, Crescendo, wie man ein Mikrofon nutzt, wie man ein Spotlight nutzt, wie man all das so zusammenfügt, dass der Moment verewigt wird.
Du bist Lyriker, Romanautor, Librettist sowie Musiker und Herausgeber von Thayil Editions. Wie schließt die Kuratorentätigkeit an Deine Arbeit über verschiedene Formen und Disziplinen hinweg an?
An einem beliebigen Tag arbeite ich gleichzeitig an Prosa, Lyrik und Essays sowie an Zeilen- und Stilkorrekturen der Manuskripte anderer. Die Kuratorschaft des 26. ILB fügt sich ziemlich nahtlos in diesen Alltag ein. Es gibt Momente, in denen die verschiedenen Bereiche ineinanderfließen, und für mich sind das Momente des Wagnisses. Ich freue mich darauf. Es passiert nicht immer, aber wenn es passiert, sind unweigerlich phantasiereiche, improvisierte, unerwartete Elemente im Spiel. Ein Moment, in dem die Idee Feuer fängt und in Deinen Schoß fällt. Deine Aufgabe (und ich spreche hier genauso zu mir selbst wie auch zu den Lesenden) ist es, den Weg freizumachen und den Moment die Gestalt annehmen zu lassen, die er annehmen muss.
»Improvisierte Performance riskiert immer das Scheitern. Aber genau das ist Teil der Faszination. Wenn Künstler:innen gut genug sind, sind selbst die Misserfolge ihre Zeit wert.«
An Deinem Programm nehmen Gäste aus Südasien, den USA und Europa teil. Spiegelt diese kosmopolitische Zusammenstellung Deine eigenen internationalen Erfahrungen wider, und siehst Du künstlerische Zusammenarbeit als Antwort auf eine Welt, die sich mit jedem Tag stärker zu fragmentieren scheint?
Es steht außer Frage, dass wir in einer fragmentierten Welt leben, gespalten nach Nation, Ethnizität, Geschlecht, politischer Ideologie und sexueller Identität. Aber es ist auch eine Welt, in der die Ausgangsbedingungen so gleich sind wie nie zuvor. Eine Schriftsteller:in oder eine Musiker:in in Dhaka kann etwas ebenso Bedeutendes schaffen wie jemand in London. Wir sind auf eine Weise miteinander verbunden, die noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar war. Ich bin in verschiedenen Teilen der Welt aufgewachsen und nenne viele Städte mein Zuhause. Wo auch immer ich mich gerade befinde, Künstler:innen sind sich sehr ähnlich. Sie sprechen dieselbe Sprache, eine sofort erkennbare Sprache des Staunens und der Bestürzung.
Das diesjährige Festivalmotto »You are born with your face turned everywhere« nimmt Bezug auf eine Passage aus den Upanishaden, die Deinem neuesten Buch »The Elsewhereans«, bislang Dein autobiografischstes Werk, als Epigraph vorangestellt ist. Was bedeutet Dir diese Passage, und wie passt sie zum Festivalprogramm?
Ich sehe darin eine inspirierende Antwort auf die alte Frage: Wie bringt man die vielen Facetten eines einzelnen Lebens und die ähnlichen Facetten vieler Leben zusammen? Wie vereint man die gleiche Seite zweier Münzen oder die einander zugewandten Seiten einer Münze? Die vollständige Passage lautet: »Du bist Frau, du bist Mann; du bist Knabe, du bist Mädchen; als alter Mann tatterst du an deinem Stock dahin; du wirst geboren mit deinem Gesicht überall hingewandt.« Mich fasziniert die Inklusivität dieses Gedankens. Dass jeder Mensch alles ist. Dass Trennungen nach Geschlecht, Herkunft oder politischer und sexueller Identität hinter unserer größeren menschlichen Identität zurücktreten. Das ist eine so weise Art, dem einen Leben zu begegnen, das uns geschenkt wurde. Es ist bemerkenswert, dass dieser Text um das 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist.
Das Gespräch führte Dennis Kölling.
Aus dem Englischen von Dennis Kölling.
