23. ilb 06. – 16.09.2023

Zhai Yongming

Ihr poetisches Werk zeichnet eine beispielhafte Entwicklung aus. Es beginnt 1983 mit der privaten Publikation des Zyklus »Frauen«, der mit seiner Dunkelheit noch ganz in der Nachfolge der Hermetischen Schule steht, aber gleichwohl schon Anzeichen eines neuen feministischen und poetischen Diskurses zu erkennen gibt.

Der Aufenthalt in New York Anfang der neunziger Jahre bedeutete zwar einen poetischen Bruch mit der Vergangenheit, doch auch einen Neuanfang. Zhai begann nun, Langgedichte zu schreiben, die aufgrund ihres narrativen Charakters offener wirken. Es ging nun auch nicht mehr um das persönliche Leid der Frau, sondern um das historische, das allgemeine Leid, das alle Frauen mit einander teilen.

Ein vom DAAD ermöglichter Aufenthalt in Berlin im Jahr 2000 stellte eine weitere Zäsur dar. Zhais Gedichte wurden nun lakonisch. Der Mann als solcher mochte zwar weiter Gegenstand ihrer Kritik sein, doch die einstige Verbissenheit hatte ein Ende: Es ging nun vielmehr um allgemein-gesellschaftliche Dinge, die China wie Europa gleichermaßen betreffen.

Aufgrund der Komplexität ihrer Texte gibt es bislang nur wenige Übersetzungen. Eine vergleichsweise repräsentative Übertragung des Werkes in eine europäische Sprache liegt nur mit den »Kaffeehausliedern« (2004) auf Deutsch vor. Ihr langjähriger Übersetzer und der literaturwissenschaftliche Begleiter ihres Werkes ist Wolfgang Kubin.

Zhai Yongming lebt heute weiterhin als freie Schriftstellerin in Chengdu. Sie betreibt auch eine Künstler-Bar namens »Weiße Nächte«, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

© internationales literaturfestival berlin