22. ilb 07. - 17.09.2022

Yevgenia Belorusets

Die Fotografin, Künstlerin und Schriftstellerin Yevgenia Belorusets wurde 1980 in Kiew geboren. Von 1996 bis 2002 studierte sie Germanistik an der Kiewer Linguistischen Universität und anschließend bis 2005 Österreichische Literatur und Philosophie an der Wiener Universität. An der Fotoschule von Viktor Marushchenko erwarb sie 2005/06 zudem ein Diplom in Dokumentarfotografie.

Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit steht die Erforschung der Schnittstellen von Kunst, Medien und Gesellschaft. Dazu bedient sie sich der Medien Video und Fotografie. Vielfach beteiligte sie sich an Ausstellungen, die Gesellschaftskritik und engagierte Kunst miteinander verbinden. 2010 gewann sie mit einem Foto des Notaufnahmegebäudes im Zentrum von Kiew, dessen Bewohner:innen seit über zwanzig Jahren auf eine Umsiedlung warten, den von der britischen Royal Photographic Society in Zusammenarbeit mit »The Guardian« ausgelobten Wettbewerb für soziale Fotografie. Seit August 2014 reiste Yevgenia Belorusets immer wieder in den Donbass und fotografierte den Alltag der Menschen in den Frontgebieten. Das Nationalmuseum Taras Shevchenko zeigte 2016 eine Ausstellung ihrer Fotografien mit dem Titel »Peremogi peremoshenikh« [Ü: Siege der Besiegten].

2008 gründete Yevgenia Belorusets die Literatur- und Kunstzeitschrift »Prostory«, seit 2009 ist sie Mitglied der Kuratorengruppe Hudrada. 2018 erschien ihr Buch »Shchasliwi padinnja«, [dt. »Glückliche Fälle«, 2019], das mit dem Internationalen Literaturpreis 2020 des HKW Berlin ausgezeichnet wurde. Das Buch speist sich aus Gesprächen und Begegnungen, die Yevgenia Belorusets in Bildern und Texten festgehalten hat. Entstanden sind Porträts, vorwiegend von Frauen, die in der Ukraine zwischen Kiew und dem Donbass leben. Ihr Alltag hat sich durch die Gegenwärtigkeit des Krieges verzerrt, manchmal fast bis auf eine absurde, hyperrealistische Ebene. Auf diese Weise gibt das Buch Einblicke in eine Gesellschaft, für die der Ausnahmezustand zur Realität geworden ist. »Yevgenia Belorusets hält sich fast hyperrealistisch an Einzelheiten, operiert mit Orts-, Straßennamen und dokumentarischem Material, doch wirken ihre Geschichten wie grausam-absurde Märchen, wie beklemmende Grotesken, einem bösen Traum entsprungen« [»NZZ«].

Yevgenia Belorusets engagiert sich in einer Reihe kultureller und politischer Initiativen, darunter im Verband der Autor:innen und Übersetzer:innen sowie in dem Projekt »Arbeit und Arbeiterbewegung in der Ukraine«. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, darunter das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung und das Stipendium für künstlerische Forschung der Friedrich-Ebert-Stiftung an der UdK Berlin. Nachdem sie jahrelang abwechselnd in Berlin und Kiew gelebt hatte, war sie von Dezember 2021 bis April 2022 in Kiew und erlebte dort den Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine mit, von dem sie auf rbb Kultur in selbst aufgenommenen Sprachnachrichten unter dem Titel »Nachrichten von Yevgenia« berichtete. Ihr Tagebuch, in dem sie aus der umkämpften Hauptstadt berichtet, erschien 2022 unter dem Titel »Anfang des Krieges«.

Stand: 2022