23. ilb 06. – 16.09.2023

Yang Lian

Yang Lian wurde 1955 im schweizerischen Bern als Kind chinesischer Diplomaten geboren. Er wuchs in Peking auf und wurde, wie alle Jugendlichen seiner Generation in China, 1974 zur »Umerziehung durch die Bauern« aufs Land geschickt. Ab 1977 arbeitete er als Programmgestalter und Redakteur beim staatlichen Rundfunk. Während des »Pekinger Frühlings« (1978-1980) veröffentlichte er erste »modernistische« Gedichte in der literarischen Untergrundzeitschrift »Jintian«.

1978 bis 1983 unternahm der junge Dichter ausgedehnte Reisen auf den Spuren der Geschichte Chinas. Es entstanden große lyrische Werke, darunter das Langgedicht »Nuorilang«, das 1983 im Rahmen der Kampagne »gegen geistige Verschmutzung« scharf kritisiert wurde. Zwischen 1985 und 1989 arbeitete Yang Lian an seinem unfangreichsten, etwa 200 Seiten umfassenden Gedichtzyklus »Yi«, der in seiner inneren Struktur an das Buch der Wandlungen (»I Ging«, ca. 2800 v. Chr.) anknüpft.

Nach einer ersten Europareise 1986 folgte Yang Lian 1988 einer Einladung nach Australien und Neuseeland. Im Ausland erreichten ihn die Berichte über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989. Er lebt seither im Exil. Stipendien führten ihn in verschiedene Länder des westlichen Auslands, unter anderem 1991 nach Berlin. Er nahm an der »documenta« 1997 teil und erhielt 1999 den Flaiano International Prize for Poetry. Inzwischen ist Yang neuseeländischer Staatsbürger und lebt in London.

Der Übersetzter Wolfgang Kubin beschreibt die Veränderung im Werk Yang Lians nach 1989 wie folgt: »Das ursprüngliche Pathos … beginnt sich zu verlieren, die Langform wird durch die Kurzform … ersetzt, der Bezug zu China tritt in doppelter Hinsicht zurück: Die chinesische Welt ist nicht mehr der unmittelbare Gegenstand des Schreibens, und Anspielungen auf die chinesische Geistesgeschichte weichen immer mehr einer Verarbeitung abendländischer Literatur und Philosophie.« Erhalten bleiben dabei entscheidende Motive seiner Lyrik, insbesondere die fortwährende Bezugnahme auf Sterblichkeit und Tod – Erklärungen wie die von Mark Renné, dies sei auf den frühen Tod der Mutter und seine Erfahrungen als Sargträger zurückzuführen, bleiben notwendig defizitär angesichts der, wie man fast sagen könnte, Besessenheit, mit der der Dichter die Erinnerung an die Sterblichkeit in seine Texte webt. Nicht melancholisch, sondern immer wieder aufs Neue schockierend, den Leser unerwartet aus der alltäglichen Lebenstrance reißend, konfrontiert er diesen mit dem Tod und der Hinfälligkeit des Körpers; als unentrinnbare Wahrheit, die den Menschen begleitet, verstört und die Intensität seiner Wahrnehmungen steigert, dringt das memento mori in fast jedes seiner Gedichte ein.

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