22. ilb 07. - 17.09.2022

Wu Ming-Yi

Wu Ming-Yi wurde 1971 in Taoyuan, Taiwan, geboren. Er studierte Medienwissenschaften in Neu-Taipeh und promivierte im Fachbereich Chinesische Literatur. Seit seinem Romandebüt im Jahr 1997 hat er sich in seinem Heimatland als einer der wichtigsten Schriftsteller:innen seiner Generation etabliert. Er veröffentlichte weitere Romane, Erzählbände sowie literaturtheoretische Schriften und ist zudem für seinen Einsatz als Umweltaktivist bekannt.

Mit »The Man with the Compound Eyes« [2011; En. 2013; dt. »Der Mann mit den Facettenaugen«, 2022] wurde erstmals ein internationales Publikum auf ihn aufmerksam. Der Jugendliche Atile’i gehört den Wayo Wayo an, die, von der Außenwelt abgeschirmt, auf einer kleinen Insel leben. Wegen Ressourcenknappheit ist er wie alle zweiten Söhne des Volkes gezwungen, in einem Boot aufs Meer hinauszufahren, um dort zu sterben. Als sein Boot sinkt, kann er sich auf eine Insel retten; wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um einen riesigen Müllstrudel. In der taiwanesischen Küstenstadt Haven ist die Akademikerin und Schriftstellerin Alice derweil in eine tiefe Depression versunken. Ihr Ehemann ist gestorben, ihr Sohn unter mysteriösen Umständen verschwunden. Als ein Teil des Müllstrudels sich löst und auf die Küste trifft, wird Aliceʼ Haus zerstört – und sie trifft auf Atile’i. Die Erzählung von Alice und Atile’i ist dabei jedoch nur Teil einer vielschichtigen Romanwelt, in der die Natur in unterschiedlicher Gestalt zum Leben erwacht und die Leser:innen schließlich auch Bekanntschaft mit dem titelgebenden Mann mit den Facettenaugen machen. Dessen Fähigkeit, mehrere Blickwinkel einzunehmen, korrespondiert mit der mosaikartigen Struktur des Romans, der Fantastik mit Realismus verbindet und vielfach als ökologische Parabel gelesen wurde. »Es mag wandelnde Bäume, wundersame Schmetterlinge und Rehe geben, die sich in Ziegen verwandeln, aber dies ist ein Roman, der im düsteren Chaos dessen verankert ist, was es bedeutet, sich zu erinnern und als Individuum zu existieren«, befand »The Guardian«.

Mit »The Stolen Bicycle« [2015] stand Wu Ming-Yi auf der Longlist für den Man Booker International Prize 2018. Darin macht sich der Schriftsteller Cheng auf die Suche nach dem gestohlenen Fahrrad seines Vaters, der vor zwanzig Jahren verschwunden ist. Die Suche weitet sich zu einer rätselhaften Reise aus, auf der sich die Geschichten überschneiden: Das japanische Militär während des Zweiten Weltkriegs, Lin Wang, der älteste Elefant, der je gelebt hat, und die geheime Welt der Sammler antiker Fahrräder in Taiwan spielen darin eine Rolle.


Seit 2000 lehrt Wu Ming-Yi Chinesische Literatur und Creative Writing an der National Dong Hwa University. Er lebt in Taipeh.

Stand: 2022