23. ilb 06. – 16.09.2023

Anne Weber

Anne Weber, geboren 1964 in Offenbach am Main, ist eine deutsche Autorin und Literaturübersetzerin. Nach dem Abitur zog sie nach Paris, wo sie an der Sorbonne ein Studium der Französischen Literatur und Komparatistik absolvierte und zwischen 1989 und 1996 in verschiedenen Verlagen arbeitete. Sie übersetzt sowohl ins Deutsche (u. a. Marguerite Duras und Pierre Michon) als auch ins Französische (u. a. Sibylle Lewitscharoff und Peter Handke).
Bereits in ihrem Debüt, der 1998 zuerst auf Französisch und 1999 auch auf Deutsch erschienenen Kurzprosasammlung »Ida erfindet das Schießpulver«, in der Weber eine anarchische Weltverbesserungslogik durchspielt, zeigt sich das Interesse der Autorin an sprachbewussten und ungewöhnlichen Formen des Erzählens. Auch die nachfolgenden Bücher wie »Luft und Liebe« (2010), »August. Ein bürgerliches Puppentrauerspiel« (2011), »Tal der Herrlichkeiten« (2012) oder »Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch« (2015) entziehen sich eindeutigen Gattungszuschreibungen – für jeden Stoff findet die Autorin ihre je unverwechselbare Form. In »Kirio« – einem »Kabinettstück zwischen Kindermärchen, Schelmenroman, Lebensweisheitsgleichnis und Heiligenlegende«, so die »Süddeutsche Zeitung« – erzählt Weber vom Guten in Gestalt eines rätselhaften Wunderlings. Im Mittelpunkt des an intertextuellen Bezügen und metaliterarischen Reflexionen sehr reichen Romans steht ein Heiliger ohne Gott, der auf Händen gehend die Umkehr der Weltverhältnisse herbeiführt und unbemerkt Wunder um Wunder vollbringt. Zugrunde liegt dem Roman, dessen Dramaturgie sich tatsächlich an Heiligenlegenden orientiert, eine polyfone Erzählkonstruktion, deren ordnende, allwissende Hauptinstanz in ihrer schillernden Unbestimmtheit – wer spricht hier eigentlich? – ein unlösbares Rätsel zwischen Himmel und Erde darstellt. Webers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Text »Annette, ein Heldinnenepos« (2020) widmet sich dem Leben einer Frau, die im Angesicht der Unmenschlichkeit menschlich blieb: Die 1923 geborene Französin Anne Beaumanoir schmuggelte als Mitglied der kommunistischen Résistance unter Lebensgefahr Juden aus dem von den Deutschen besetzten Paris und ging nach dem Krieg erneut in den Widerstand, diesmal gegen ihr eigenes Land, als »Kofferträgerin« für die algerische Unabhängigkeitsbewegung. Weber wählt die ungewöhnliche Form eines weitgehend reimlosen und metrisch ungebundenen Versepos. Sie erzählt keine ungebrochene Verehrungsgeschichte, sondern durchaus mit einer gewissen Distanz, etwa wenn es um Beaumanoirs Verhältnis zum Kommunismus geht. »›Annette‹ ist ein weises Epos. Es sieht die Dinge nicht so eng – aber es lässt auch nichts einfach so durchgehen, weder seiner Heldin noch uns«, urteilt die »taz«.
Anne Weber wurde u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb sowie dem Kranichsteiner Literaturpreis ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Außerdem erhielt sie den Europäischen Übersetzerpreis Offenburg und den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung. Sie lebt in Paris.