23. ilb 06. – 16.09.2023

Jurga Vilé

Jurga Vilė wurde 1977 im litauischen Vilnius geboren und wuchs im alten Teil der Stadt auf, der in der Zeit der späten Sowjetunion mystisch und geheimnisvoll war. Als Vilė 13 Jahre alt war, erlangte Litauen 1990 seine Unabhängigkeit. Der freiheitliche Geist der neuen Ära prägte und beeinflusste sie und ihre Generation. Vilė studierte an der Universität Vilnius, erlangte einen Bachelor in französischer Philologie, wechselte dann nach Paris an die Universität Sorbonne III und schloss dort ein Studium der Filmwissenschaft und audiovisuellen Medien ab. Im Jahr 2000 ging Jurga Vilė nach New York, um ihre Diplomarbeit über das Archivieren und Restaurieren von Filmen zu schreiben. Dort arbeitete sie einige Jahre in den Anthology Film Archives, einem Mekka für Avantgarde-Filme. Sie begann mit dem Aufzeichnen von Geräuschen, filmte mit einer Acht-Millimeter-Kamera und später auch digital. Nach ihrer Rückkehr nach Vilnius arbeitete Vilė als Drehbuch-Supervisorin bei verschiedenen Filmproduktionen, als Koordinatorin und Verantwortliche für Übersetzungen bei Filmfestivals sowie als freie Journalistin für Kulturzeitschriften.

Zwischen 2008 und 2018 lebte sie in Südspanien. Während dieser Zeit schrieb sie ihre erste Graphic Novel »Sibiro Haiku« (2017; Ü: Sibirische Haikus), die von Lina Itagaki illustriert wurde und die Deportation von Litauern nach Sibirien unter der sowjetischen Besatzung thematisiert. Vilė erzählt darin die Geschichte ihres Vaters: Eines Morgens im Juni 1941 werden Algiukas und seine Familie von russischen Soldaten geweckt, die ihnen befehlen, sich auf die Abreise vorzubereiten. Der Junge ist etwa acht Jahre alt ist, seine Eltern und seine große Schwester wissen nicht, wohin sie geschickt werden und wie lange sie fortbleiben. Sie haben zehn Minuten Zeit, sich fertig zu machen. Am Bahnhof werden die Männer von ihren Familien getrennt. Algiukasʼ Tante hat ein Buch mit japanischen Haikus mitgenommen. In der Fremde versucht sie immer wieder, die Deportierten aus der Verzweiflung zu reißen und Schönheit auch unter widrigsten Bedingungen zu finden. »Sibiro Haiku«, das in Litauen u. a. zum Kinderbuch des Jahres 2018 gekürt und in verschiedene Sprache übersetzt wurde, weist nicht nur durch die darin erzählte Geschichte, sondern auch durch seine erzählerische Poesie Bezüge zur japanischen Kultur auf. 2019 erschien Vilės zweites Kinderbuch »Švelnumo fabrikėlis« (Ü: Im Samtwald) über die verschlungene, geheime Welt des Waldes, das Kinder dazu ermutigen soll, die Magie der Pflanzen zu entdecken.

Vilė übersetzt zudem seit fast zwanzig Jahren aus dem Französischen, Englischen und Spanischen. Sie lebt in Vilnius.