22. ilb 07. - 17.09.2022

Viken Berberian

Viken Berberian wurde 1966 in Beirut geboren und wuchs in der Straße Zokak-el blot auf, was »gepflasterte Gasse« bedeutet. Acht Monate nach Beginn des Bürgerkriegs emigrierte die Familie im Dezember 1975 nach Los Angeles. Berberian studierte an der Columbia University und der London School of Economics und begann 1996 in New York mit der Arbeit an seinem Debütroman.

»The Cyclist« (Ü: Der Radfahrer) erschien sechs Monate nach dem 11. September 2001 und handelt von einem genusssüchtigen Möchtegern-Selbstmordattentäter, der eine Bombe auf dem Fahrrad transportiert. Bei der Erfüllung seiner Mission stören ihn diverse Freuden des Lebens, vor allem aber das Essen, sein heimliches Laster. Berberian kombiniert beißenden Humor und ein stilistisches Leuchtfeuer, um seine provokative Geschichte über Freiheit und Gewalt zu erzählen. Der Roman löste eine kontroverse Diskussion bei der Literaturkritik aus, vor allem wegen seines Erscheinens kurz nach den Anschlägen in New York. Die »Virginia Quarterly Review« schrieb: »Nur sehr wenige Autoren haben versucht, die Beziehung eines Terroristen zu einem Terrorakt, zu dem er sich gezwungen fühlt, narrativ zu beschreiben. In seinem ersten Roman geht Viken Berberian meisterhaft auf diesen Gedanken ein.« In seiner »Year in Ideas«-Ausgabe 2002 ordnete das »New York Times Magazine« den Roman dem Genre »hysterical realism« zu, gemeinsam mit Werken von Thomas Pynchon, David Foster Wallace und Zadie Smith; was ihn von diesen unterscheide, seien der journalistisch geprägte Ton und der experimentelle Inhalt. Ein Jahr vor der Subprime-Krise und der Rezession in den Vereinigten Staaten erschien Berberians zweiter Roman »Das Kapital. A novel of love and money markets« (2007; Ü: Das Kapital. Ein Roman über Liebe und Geldmärkte). Im Zentrum steht ein Wall-Street-Händler, der von Marktrückgängen aufgrund von Pandemie, Terror und Krieg profitiert. Sprachlich ließ sich Berberian von seiner Zeit als Wirtschaftsreporter und seinen Recherchen in einem New Yorker Hedgefonds inspirieren. Die Kritik lobte diese Satire über die Halbgötter der Wall Street wegen seiner mal lyrischen, mal schonungslosen Sprache.

2017 erschien auf Französisch Berberians Graphic Novel »La Structure est pourrie, camarade«, illustriert von Yann Kebbi und von Christophe Claro aus dem Englischen übersetzt, das 2019 unter seinem Originaltitel »The Structure is Rotten, Comrade« auf Englisch und 2020 unter dem Titel »Marode Substanz, Kamerad!« auf Deutsch erschien. Für die »Washington Post« gehörte die Satire über Architektur, Ehrgeiz, Scheitern und zivilen Aufstand zu »den besten Graphic Novels, Memoiren und Erzählbänden des Jahres 2019 […], die ungewöhnliche Originalität, Handlung und Kunstwerke miteinander verbinden«. Berberian veröffentlichte außerdem Essays und Prosa in »The New York Review of Books«, »Bomb«, »The New York Times«, »Foreign Affairs« und »Granta«.