23. ilb 06. – 16.09.2023

Vicente Valero

Vicente Valero wurde 1963 auf Ibiza geboren. In seiner Heimat war er zunächst als Lyriker bekannt; seit 1987 hat er sieben Gedichtbände veröffentlicht, in Zusammenarbeit mit den Künstlern Vicente Fernández Cervera, Pedro Asensio und José del Río Mons außerdem mehrere illustrierte Ausgaben. Zudem verfasste er umfangreiche Essays zu verschiedenen literarischen Themen, so zum Beispiel über die Gedichte von Juan Ramón Jiménez oder über den Aufenthalt von Walter Benjamin auf Ibiza: »Walter Benjamin en Ibiza, 1932–1933« (2001; dt. »Der Erzähler. Walter Benjamin auf Ibiza 1932 und 1933«, 2008). Hier beleuchtet Valero die kritische Lebensphase des Berliner Schriftstellers und Philosophen, der sein Leben und Schreiben angesichts der schwierigen finanziellen Situation und des aufziehenden nationalsozialistischen Regimes in Deutschland existenziell bedroht sah. Akribisch zeichnet Valero den Aufenthalt Benjamins auf der Insel nach und stellt dessen Begegnungen mit anderen Künstlern und Intellektuellen in den kulturgeschichtlichen, politischen und literarischen Kontext: Er arbeitet deren Bedeutung für Benjamins Schriften dieser Zeit heraus und zeigt das Reifen seiner Überzeugung, dem Zerfall einer Welt beizuwohnen. Benjamin habe gefühlt, »dass er in einer Zeit lebte, in der alles Kostbare das Letzte seiner Art war«, zitiert Valero Susan Sontag. In »El arte de la fuga« (2015; Ü: Die Kunst der Fuge) widmet Valero sich den Dichtern Johannes vom Kreuz, Friedrich Hölderlin und Fernando Pessoa, die zwar in ganz unterschiedlichen Epochen lebten, aber alle über den Weg extremer Selbstaufopferung nach transzendenter Identität und Einheit suchten.

2014 erschien Valeros erster Roman »Los extraños« (dt. »Die Fremden«, 2017), in dem er vier Lebensläufe »verlorener Söhne« miteinander verknüpft. In der Tradition von W. G. Sebalds »Die Ausgewanderten« ist ein Familienroman entstanden, der sich vor allem denjenigen zuwendet, die sich aus allen Bindungen lösten, der Familie verloren gingen und von denen manchmal nicht einmal Fotos übrig blieben: ein Großvater, der am Tag nach seiner Hochzeit in eine afrikanische Wüstengarnison abkommandiert wird und erst kurz vor seinem Tod nach Ibiza zurückkehrt; ein Onkel, der als Begleitung eines Schachspielers die Welt bereist; ein junger Schwager und Tanzstar, der in der Ferne Karriere macht; der andere Großvater, der nicht aus dem französischen Exil zurückkehrt.

Als Übersetzer brachte Valero die Lyrik von Joan Vinyoli, Marià Villangómez und Antoni Marí aus dem Katalanischen ins Spanische, außerdem ist er Herausgeber diverser Anthologien spanischer Lyrik. Für seine Lyrikbände »Teoría solar« und »Días del bosque« erhielt er den Premio Loewe (1992/2007).