23. ilb 06. – 16.09.2023

Véronique Tadjo

Véronique Tadjo wurde 1955 in Paris geboren. Sie wuchs an der Elfenbeinküste, der Heimat ihres Vaters, in Abidjan auf. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Abidjan und promovierte an der Pariser Sorbonne über afro-amerikanische Literatur und Kultur. 1983 führte sie ein Fulbright Forschungsstipendium an die Howard University in Washington D.C. Anschließend unterrichtete sie bis 1993 an der Universität von Abidjan. Nach Stationen in Paris, Lagos, Mexico-City und Nairobi lebt sie heute – mit ihrem Mann und zwei Kindern – in London.

1984 erschien Tadjos erste Gedichtsammlung, »Latérite«, die mit dem Literaturpreis der Agence de Coopération Culturelle et Technique (ACCT) ausgezeichnet wurde. Es folgten drei Romane, »Le Royaume aveugle« (1991), »A vol d’oiseau« (1992) und »Champs de bataille et d’amour« (1999). Einer größeren Öffentlichkeit ist sie aufgrund ihrer Jugendbücher, die sie z. T. selbst illustriert, bekannt. Sie hat außerdem Schreib- und Illustrationsworkshops für Jugendliche in Mali, Benin, Tschad, Haiti, und Mauritius durchgeführt.

Im Sommer 1998 nahm Tadjo an dem von Nocky Djedanoum initiierten Schreibprojekt »Rwanda: écrire par devoir de mémoire« teil. Es hatte zum Ziel, das Schweigen der afrikanischen Intellektuellen über den Völkermord in Ruanda von 1994, bei dem etwa 30.000 Hutu und fast eine Million Tutsi auf grausame Weise getötet wurden, zu brechen. Zehn afrikanische Autorinnen und Autoren sowie ein Bildhauer und ein Regisseur verbrachten einen Studienaufenthalt in Kigali, besuchten Tatorte und Gedenkstätten und sprachen mit Überlebenden. Tadjo entschloss sich spontan, auch hier Schreibwerkstätten durchzuführen.

Mit »L’Ombre d’Imana« erschien 2000 Tadjos künstlerischer Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung in Ruanda.  In der Art eines Reisetagebuchs geschrieben, verbindet dieser Prosaband sehr persönliche Eindrücke und Reflexionen mit authentischen und fiktiven Zeugnissen von Tätern und Opfern. Dass es gerade die literarische Fiktion sein könnte, die das Vergessen verhindert, war einer der Grundgedanken des Projekts. »Bei meiner ersten Reise nach Ruanda hielt ich mich an die Fakten. Nach meiner Rückkehr las ich die Texte der Historiker und Journalisten. Danach wollte ich der Fiktion das Wort geben,« erklärt die Autorin ihre Vorgehensweise, »da hat man mehr Freiheiten. Ich ließ meiner Imagination freien Lauf und versuchte die Emotion wiederherzustellen, die durch die wissenschaftlichen Äußerungen und Erklärungsversuche der Forscher verlorengegangen war.«

© internationales literaturfestival berlin