22. ilb 07. - 17.09.2022

Tzvetan Todorov

Tzvetan Todorov wurde 1939 in Sofia geboren. Mit 23 Jahren verließ er Bulgarien und ging nach Paris, wo er 1970 promovierte. Im gleichen Jahr veröffentlichte er seine bis heute maßgebliche Schrift zur fantastischen Literatur. Die »Introduction à la littérature fantastique« (dt. »Einführung in die fantastische Literatur«, 1972) ist eine Analyse des Fantastischen als eigenständiger Gattung. Sie nimmt Einflüsse der russischen Formalisten auf, die Todorov ins Französische übersetze, und verarbeitet Ergebnisse der strukturalistischen Untersuchungen seines Lehrers Roland Barthes.

Todorov arbeitete zunächst am Centre national de recherche scientifique in Paris, wo er zwischen 1983 und 1987 das Centre de Recherches sur les arts et le langage leitete. 1987 bis 2005 war er dessen Forschungsdirektor. In seinen über dreißig Werken befruchtete er mit Werken über literarische Analyse, Ideengeschichte, politische Philosophie und Moralphilosophie die allgemeine Kulturkritik und entwickelte sich zu einem der bekanntesten europäischen Intellektuellen. 1982 veröffentlichte er »La Conquête de l’Amérique« (dt. »Die Eroberung Amerikas«, 1985). Darin schafft die Verbindung von Anthropologie und Strukturanalyse einen neuen Zugang zum Problem der Alterität. Seine Untersuchungen der Wahrnehmungen des Anderen ergeben, dass die Zerstörung der vorkolumbianischen Kulturen Amerikas weniger auf deren militärische Unterlegenheit zurückzuführen ist als vielmehr auf das Zerbrechen des Zeichensystems der Einheimischen angesichts der nicht fassbaren Andersheit der Spanier. Dem Thema der Alterität widmet sich Todorov auch in »Face à l’extrème« (1991; dt: »Angesichts des Äußersten«, 1993). Darin untersucht er Faschismus und totalitären Kommunismus, deren Realitäten der Autor in seiner Jugend selbst erlebte. In »Mémoire du mal, Tentation du bien« (2000; Ü: Erinnerung des Bösen, Versuchung des Guten) entwickelte er diese Themen weiter.

Auch zu aktuellen politischen Fragen bezieht Todorov Stellung. Nur ein Europa, das sich auf seine demokratischen und pluralistischen Werte besinnt, könne zum Frieden in dieser Welt beitragen, wie »Le nouveau désordre mondial« (2003; dt. »Die verhinderte Weltmacht«, 2003) ausführt. Kunst übernehme dabei eine wichtige Rolle und dürfe sich nicht in eine »formalistisch-nihilistisch-solipsistische« Ästhetik zurückziehen, moniert Todorov in seinem zuletzt erschienenen Buch »La littérature en péril« (2007; Ü: Die Literatur in Gefahr).

Todorov war Gastprofessor an zahlreichen Universitäten, so an der New York University, der Columbia University, der Harvard University, der Yale University und der University of California, Berkeley. Er erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen, unter anderen den Prix Jean-Jacques Rousseau (Genf), den Prix Européen de l’Essai Charles Veillon (Lausanne), den Spinoza-Prijs (Amsterdam), den Premio Grinzane Cavour (Turin) und den Premio Mondello (Palermo). Er ist Mitglied der American Philosophical Society und der American Academy of Arts and Letters sowie Offizier der französischen Ehrenlegion. Todorov lebt in Paris.

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