22. ilb 07. - 17.09.2022

Thomas Hettche

Thomas Hettche wurde 1964 in Treis bei Gießen geboren. In Frankfurt a. M. studierte er Philosophie und Germanistik. Bereits während des Studiums veröffentlichte er seinen ersten Roman, der ihm eine Einladung zum Wettbewerb des Ingeborg-Bachmann-Preises nach Klagenfurt einbrachte. Zwischen 1995 und 1999 zählte er selbst zu den Juroren. Er schloss 1999 seine Promotion ab, veröffentlichte journalistische Arbeiten und Essays in der »FAZ« und der »NZZ«, übernahm Lehraufträge an wissenschaftlichen Institutionen und gibt seit 2005 die Edition Spycher heraus.

Sein Romandebüt, »Ludwig muß sterben« (1989), ist ein Versuch über das Verhältnis von Wirklichem und Fantasiertem: Ein aus der Psychiatrie beurlaubter Ich-Erzähler verbringt ein Wochenende in der Wohnung seines todkranken Bruders, der sich gerade in Venedig aufhält. Dort gibt er sich ein unfreiwilliges Stelldichein mit dem Tod, der in weiblicher Gestalt einem Anatomieatlas entstiegen ist, und mit dessen Gehilfen, einem Mediziner aus der Renaissance. Der darauffolgende experimentelle Band »Inkubation« (1992) positionierte den Autor endgültig in der Avantgarde des Erzählens. Hettches Kriminalroman »Der Fall Arbogast« (2001) nach einem Justizirrtum in der deutschen Nachkriegszeit wurde zum Bestseller und erschien in zehn Sprachen. Ebenso erfolgreich war sein existenzialistisch angehauchter Thriller »Woraus wir gemacht sind« (2006). Auf den Roman »Die Liebe der Väter« (2010) und den sehr persönlichen Essayband »Totenberg« (2012) folgte der viel beachtete Roman »Pfaueninsel« (2014), in dem Hettche die vergessene Welt der Insel bei Potsdam wiederaufstehen lässt, die im 19. Jahrhundert von Lenné und Schinkel zu einem künstlichen Paradies umgestaltet wurde. Erzählt wird von einem fiktiven Schlossfräulein und ihrer tragischen Liebe zu einem Gartenkünstler, von den menschlichen Eingriffen in die Natur, von Zeitgeschichte, Kunst und Wissenschaft. Mit seinem vielschichtigen Text vermochte Hettche »den kulturgeschichtlichen Essay nahtlos mit dem historischen Roman und einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte zu verbinden« (»Die Zeit«). Sein jüngstes Werk »Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste« (2020) erzählt die Geschichte dieses einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat.

2000 gab Hettche gemeinsam mit Jana Hensel die Online-Anthologie »Null« heraus, zu der sie 35 junge Literat*innen einluden, ein Jahr lang mitzuschreiben – eines der ersten deutschen Literaturprojekte im Internet. Hettche erhielt diverse Stipendien und literarische Auszeichnungen, u. a. den Robert-Walser-Preis und den Rom-Preis der Villa Massimo, den Wilhelm Raabe-Literaturpreis und den Joseph-Breitbach-Preis für sein Gesamtwerk. Er war mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Autor lebt in Berlin und in Erschmatt, Schweiz.