22. ilb 07. - 17.09.2022

Jackie Thomae

Jackie Thomae wurde 1972 in Halle/Saale geboren, wuchs in Leipzig auf und zog 1989 nach Berlin, wo sie bis heute lebt. Sie ist Journalistin, Fernsehautorin und Schriftstellerin.
Thomaes erste Buchveröffentlichung, der Ratgeber »Eine Frau – Ein Buch« (2008), verfasst mit Heike Blümner, wurde zum Bestseller. Drei Jahre später folgte, ebenfalls mit Heike Blümner als Co-Autorin, »Letʼs face it. Das Buch für alle, die älter werden« (2011). Das Älterwerden spielt auch in Thomaes Debütroman »Momente der Klarheit« (2015) eine wichtige Rolle. Die Figuren der lose miteinander verknüpften Episoden dieses Trennungsreigens sind um die vierzig, also weder jung noch alt, und Vertreter*innen der urbanen Medien- und Musikwelt. Sie durchleben, die Unwiederbringlichkeit der Jugend im Nacken, jene titelgebenden Momente der Klarheit, in denen illusionäre Liebes- und Lebensvorstellungen nicht mehr aufrechterhalten werden können. Den vermeintlichen Wahrheiten – falscher Partner, falscher Beruf, falsches Leben – begegnen Thomaes Figuren mit Verdrängung, Vernunft, Passivität oder Irrsinn. Die »Welt am Sonntag« urteilte: »Ein harter Erlebnisbericht über die Radikalität der romantischen Konzeption von Liebe«. »Brüder« (2019), Thomaes zweites Buch, ist ein groß angelegter Roman über die Lebenswege zweier sehr unterschiedlicher Brüder, der von der Kritik oft mit dem Gesellschaftsroman angelsächsischer Prägung verglichen wurde. Die Brüder Mick und Gabriel kennen sich nicht. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass sie Nachkommen ein und desselben senegalischen Vaters sind, der während seines Medizinstudiums in der DDR mit zwei Frauen Kinder gezeugt hat. Thomae erzählt zu gleichen Teilen aus Micks und Gabriels Leben und vermeidet, indem sie die Geschichte des Vollzeitpartygängers und Schwerenöters Mick von 1985 bis 2000 in der dritten Person und die des in London lebenden Stararchitekten Gabriel ab 2000 in der ersten Person erzählt, eine schematische Parallelisierung und flankiert ihre beiden konträren Protagonisten mit zwei bemerkenswerten Frauenfiguren, Delia und Fleur, den Partnerinnen von Mick und Gabriel. Ausgehend von der Individualität ihrer Figuren, berührt Thomae eine Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen; von der Kritik und den Leser*innen viel diskutiert wurde etwa die identitätspolitische Haltung von Thomaes Protagonisten. Denn Mick und Gabriel – und hierin sind sich die Brüder ähnlich – widerstrebt es, der Tatsache, dass sie Schwarz sind, einen zentralen Stellenwert für das eigene Selbst- und Weltverständnis einzuräumen. »Die Zeit« befand: »Dass das mit der Hautfarbe und dem Rassismus komplizierter ist, als die Social-Justice-Warrior denken, zeigt dieser beobachtungsstarke Gesellschaftsroman.« »Brüder« stand 2019 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde 2020 mit dem Düsseldorfer Literaturpreis ausgezeichnet.