23. ilb 06. – 16.09.2023

Taqi Akhlaqi

Taqi Akhlaqi wurde 1986 in Afghanistan geboren, in den neunziger Jahren floh seine Familie wegen des Bürgerkriegs für mehr als zehn Jahre in den Iran. Heute lebt er wieder in Kabul. Als nach den Präsidentschaftswahlen 2014 seine Heimat im Chaos versank, kam es auch für ihn persönlich zu einem einschneidenden Erlebnis: Während einer Theateraufführung im Dezember 2014 explodierte im französischen Kulturzentrum von Kabul eine Bombe, Akhlaqi erlitt leichte Verletzungen.

Das alltägliche Leben in Afghanistan ist auch Thema von Akhlaqis Prosatexten. Seine erste Kurzgeschichte schrieb er unter dem Eindruck der Lektüre von Maxim Gorkis Erzählung »Graue Gespenster« [1913], die in einem feuchten Kellergewölbe spielt und das Leben eines gelähmten Jungen und seiner Mutter, einer Prostituierten und Alkoholikerin, beschreibt.

Auch andere Werke der Weltliteratur begeisterten und prägten Akhlaqi, darunter die von Dostojewski, Tschechow, Flaubert, García Márquez, Stefan Zweig und Nietzsche. Das Schaffen eines Schriftstellers gestalte sich unter der Herrschaft der Taliban besonders schwierig, schreibt er in einem Essay auf Qantara.de: »Die Texte eines Schriftstellers aus Afghanistan sind voller Selbstzensur, Sehnsucht nach Freiheit, Sorgen wie der, nicht hungrig zu Bett gehen zu müssen und in Sicherheit leben zu können, innerer Konflikte und Nöte aller Arten. Deshalb wirken diese Texte für einen Leser aus einem anderen Land vielleicht oberflächlich und trivial.«

Unter dem Titel »Va naagahaan / Aus heiterem Himmel« erschien 2018 eine zweisprachige Sammlung von acht Kurzgeschichten, die Akhlaqi zwischen 2015 und 2016 verfasste. In zwei Texten des Bandes beschreibt er die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der Taliban: Es geht um Menschen, die durch eine Explosion getötet werden bzw. sich den Taliban anschließen in der irrigen Hoffnung, von einer Tötung verschont zu bleiben. Akhlaqi schreibt in knappen Sätzen, die eine genaue Beobachtungsgabe erkennen lassen, und er nähert sich aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Protagonisten dem alltäglichen Schrecken. Zuweilen lässt Akhlaqi in seinen Texten auch anthropomorphisierte Tiere auftreten, die im Vergleich zur verrohten Welt der Menschen geradezu intelligent wirken, wie in der Erzählung über einen Zoobesuch, wo ein Papagei Nietzsche zitiert. Die »NZZ« lobte den Band mit den Worten: »Dass hier ein Schriftsteller mit feinem Empfinden und starker Imaginationskraft am Werk ist – daran lässt der schmale Band […] keinen Zweifel.«

Akhlaqi verfasste auch ein Bühnenstück für eine Inszenierung beim Jungen Schauspiel München, in dem er das Thema Flucht thematisierte. 2016 erhielt er ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung; der viermonatige Aufenthalt im Heinrich-Böll-Haus Langenbroich war seine erste Begegnung mit Europa und Deutschland. Seit seiner Rückkehr nach Kabul schreibt er an einem Memoir über sein Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Literatur. Neben dem Schreiben verdient Akhlaqi seinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. 2021 war er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Stand: 2022