
Taqi Akhlaqi
- Afghanistan, Deutschland, Iran
- Zu Gast beim ilb: 2022, 2025
1986 in der afghanischen Provinz Wardak geboren, ist ein im deutschen Exil lebender Schriftsteller und Dramatiker. In den neunziger Jahren floh seine Familie wegen des Bürgerkriegs für mehr als zehn Jahre in den Iran. Als nach den Präsidentschaftswahlen 2014 seine Heimat im Chaos versank, kam es auch für ihn persönlich zu einem einschneidenden Erlebnis: Während einer Theateraufführung im Dezember 2014 explodierte im französischen Kulturzentrum von Kabul eine Bombe, Akhlaqi erlitt leichte Verletzungen.
Das alltägliche Leben in Afghanistan ist auch Thema von Akhlaqis Prosatexten. Seine erste Kurzgeschichte schrieb er unter dem Eindruck der Lektüre von Maxim Gorkis Erzählung »Graue Gespenster« [1913], die in einem feuchten Kellergewölbe spielt und das Leben eines gelähmten Jungen und seiner Mutter, einer Prostituierten und Alkoholikerin, beschreibt.
Auch andere Werke der Weltliteratur begeisterten und prägten Akhlaqi, darunter die von Dostojewski, Tschechow, Flaubert, García Márquez, Stefan Zweig und Nietzsche. Das Schaffen eines Schriftstellers gestalte sich unter der Herrschaft der Taliban besonders schwierig, schreibt er in einem Essay auf Qantara.de: »Die Texte eines Schriftstellers aus Afghanistan sind voller Selbstzensur, Sehnsucht nach Freiheit, Sorgen wie der, nicht hungrig zu Bett gehen zu müssen und in Sicherheit leben zu können, innerer Konflikte und Nöte aller Arten. Deshalb wirken diese Texte für einen Leser aus einem anderen Land vielleicht oberflächlich und trivial.«
Unter dem Titel »Va naagahaan / Aus heiterem Himmel« erschien 2018 eine zweisprachige Sammlung von acht Kurzgeschichten, die Akhlaqi zwischen 2015 und 2016 verfasste. In zwei Texten des Bandes beschreibt er die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der Taliban: Es geht um Menschen, die durch eine Explosion getötet werden bzw. sich den Taliban anschließen in der irrigen Hoffnung, von einer Tötung verschont zu bleiben. Akhlaqi schreibt in knappen Sätzen, die eine genaue Beobachtungsgabe erkennen lassen, und er nähert sich aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Protagonisten dem alltäglichen Schrecken. Zuweilen lässt Akhlaqi in seinen Texten auch anthropomorphisierte Tiere auftreten, die im Vergleich zur verrohten Welt der Menschen geradezu intelligent wirken, wie in der Erzählung über einen Zoobesuch, wo ein Papagei Nietzsche zitiert. Die NZZ lobte den Text mit den Worten: »Dass hier ein Schriftsteller mit feinem Empfinden und starker Imaginationskraft am Werk ist – daran lässt der schmale Band […] keinen Zweifel.«
2016 erhielt er ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung; der viermonatige Aufenthalt im Heinrich-Böll-Haus Langenbroich war seine erste Begegnung mit Europa und Deutschland. Zurück in Kabul schrieb er an einem Memoir über sein Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Literatur, das 2024 unter dem Titel »Versteh einer die Deutschen« erschienen ist.
Er arbeitete für nationale und internationale Organisationen in Kabul, bevor er 2021 als erster afghanischer Schriftsteller das Fellowship des Berliner Künstler*programms des DAAD erhielt. Die erneute Machtübernahme der Taliban in Afghanistan machte ihm im selben Jahr eine Rückkehr nach Kabul unmöglich.
In die Zeit seines deutschen Exils fällt u.a. die Veröffentlichung seines Debütromans »Kabul 1400« (im Original auf Farsi/Dari geschrieben). 2023 erhielt er das Fellowship des Programms »Weltoffenes Berlin« des Berliner Senats und kuratierte eine Veranstaltung zu zeitgenössischer afghanischer Literatur beim 23. ilb. Sein Theaterstück »Ohne Tee kann man nicht kämpfen« wurde im Jahr 2024 sowohl in Krefeld, als auch in Mönchengladbach auf die Bühne gebracht.
Taqi Akhlaqi lebt heute in Berlin.
Stand: 2025
Va naagahaan / Aus heiterem Himmel
tethys
Potsdam, 2018
[Ü: Susanne Baghestani]
Kabul 1400
Borj Books
Teheran, 2023
Versteh einer die Deutschen
Sujet Verlag
Bremen, 2024
[Ü: Jutta Himmelreich]