23. ilb 06. - 16.09.2023

Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch kam 1979 im polnischen Pilchowice in der Woiwodschaft Schlesien [Województwo śląskie] zur Welt. Er zählt zur Minderheit der polnischen Schlesier. Twardoch studierte Soziologie und Philosophie in Katowice. Zum literarischen Schreiben kam er beim Verfassen seiner Masterarbeit über die Französische Revolution, als er sich die Frage stellte, wie die europäische Geschichte verlaufen wäre, wenn die Revolution in Wien statt in Paris ausgebrochen wäre.

In seinen Romanen konzentriert sich Twardoch insbesondere auf die polnische Geschichte. Mit »Morfina« [2012; dt. »Morphin«, 2014] gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde zu einem internationalen Erfolg und mit dem Paszport-Polityki-Preis, dem Nike-Publikumspreis und dem Kościelski-Preis ausgezeichnet. Die Handlung spielt Ende der 1930er-Jahre in Warschau, nach dem deutschen Überfall, im Mittelpunkt steht ein Reserveoffizier, der als Lebemann ein ausschweifendes Dasein führt und letztlich, fast aus Versehen, zum Widerstandskämpfer wird. »Twardoch stellt auch in diesem großen Anti-Front-Roman die Leitfrage seines Schreibens: Gibt es einen Sinn in der Geschichte? Oder bleibt alles so, wie es immer gewesen ist, weil zwar die Institutionen, aber nicht die Menschen evolvieren? Sind Ideologien nicht reine Chimären, die den Menschen in eine ihm wesensfremde Vereindeutigung treiben?« [FAZ] Twardochs 2014 erschienener Schlesien-Roman »Drach«, für den der Autor und sein Übersetzer Olaf Kühl den Literatur- und Übersetzerpreis Brücke Berlin 2016 erhielten, behandelt erneut Geschichtsläufte – vom Mittelalter über die Aufstände der 1920er-Jahre, den Zweiten Weltkrieg und die Zwangspolonisierung nach 1945 bis heute, wobei die Erde selbst als Erinnerungsspeicher dieser Erfahrungen auftritt. Im Warschau der Zwischenkriegsjahre spielt Twardochs Roman »Król« [2017; dt. »Der Boxer«, 2018], der vom Aufstieg des jüdischen Unterweltkönigs Jakub Shapiro erzählt. Der folgende Roman »Królestwo« [2018; dt. »Das schwarze Königreich«, 2020] spinnt diese Geschichte fort. Im Warschau nach dem deutschen Angriff 1939 beginnt Shapiro als Soldat einen aussichtslosen Kampf. Sein Reich und seine Familie sind zerbrochen, und der Preis für das Überleben im Getto von Warschau ist unmenschlich hoch. Sein jüngster Roman »Pokora« [2020; dt. »Demut«, 2022] behandelt den Identitätskonflikt eines Bergarbeitersohns nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in den Revolutionswirren in Berlin und den Unruhen in Oberschlesien.

Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt Szczepan Twardoch 2019 den deutsch-polnischen Samuel-Bogumił-Linde-Preis. Er lebt in Pilchowice und Warschau.

Stand: 2022