
Swetlana Alexijewitsch
geboren 1948 im ukrainischen Iwano-Frankiwsk, ist eine belarussische Schriftstellerin und engagierte Kritikerin diktatorischer Regime. Sie gilt als die bedeutendste und konsequenteste Vertreterin der Protokoll-Literatur. 2015 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur »für ihr vielstimmiges Werk, ein Denkmal für Leid und Mut in unserer Zeit« verliehen.
Sie studierte Journalismus in Minsk und arbeitete als Lehrerin und später als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Über die Interviews, die sie für ihre Arbeit führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem halbdokumentarischen »Roman in Stimmen«, den sie kontinuierlich ästhetisch weiterentwickelte. So verfasste sie anhand von mündlichen Berichten von Zeitzeug:innen Texte zu mehreren dramatischen Ereignissen der sowjetischen Geschichte: dem Zweiten Weltkrieg, dem Afghanistankrieg, dem Zerfall der Sowjetunion und der Tschernobyl-Katastrophe.
Bereits in ihrem ersten Prosawerk, »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« (1985; dt. 1987/2004, Ü: Johann Warkentin/ Ganna-Maria Braungardt), in dem sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen in und nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert, verdichtet sie Interviews zu einem Panorama, das dem Vergessen entgegenwirkt. Dafür wurde sie angeklagt, die »Ehre des Großen Vaterländischen Krieges« zu beschmutzen, und verlor daraufhin ihre Anstellung bei einer Zeitung. Auch später geriet die Autorin immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit. So stand sie wegen ihres Werks »Zinkjungen« (1989; dt. 1992, Ü: Ingeborg Kolinko), einer Collage aus Gesprächen mit Soldaten, deren Müttern, Frauen und Witwen über den sowjetischen Feldzug nach Afghanistan, mehrfach vor Gericht.
Unter dem Regime von Präsident Lukaschenko konnten ihre Bücher in Belarus nicht mehr erscheinen. Im Jahr 2000 floh sie vor der politischen Verfolgung ins westeuropäische Ausland und lebte fortan abwechselnd in Italien, Frankreich, Deutschland und Schweden, bis sie 2012 wieder nach Minsk zurückkehrte.
Eines ihrer bekanntesten Werke »Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft« (1997, Ü: Ingeborg Kolinko) zeichnet in aus Gesprächen entstandenen literarischen Monologen psychologische Porträts der von der Reaktorkatastrophe direkt betroffenen Menschen. Dabei entsteht ein »ungeheuerliches Requiem der Klage und der Anklage, mit dem sich die Autorin ohne Zweifel neben […] Tschechows ›Die Insel Sachalin‹ und Solschenizyns ›Der Archipel Gulag‹ gestellt hat« [Frankfurter Rundschau]. In ihrer Form der Protokoll-Literatur geht sie aus von umfangreichen Interviews mit »kleinen Leuten« und Opfern der Geschichte, die sie zu monologischen Erzählungen verdichtet. »Ich sehe die Welt gleichsam in Stimmen. […] Aus Tausenden Stimmen erschaffe ich nicht Realität (die Realität ist unbegreiflich), sondern ein Bild meiner Zeit, meines Landes. […] Alles schließt sich zu einer kleinen Enzyklopädie zusammen, der Enzyklopädie meiner Generation, der Menschen, die ich getroffen habe«, beschreibt die Autorin ihren Arbeitsstil.
In ihrem Buch »Secondhand Zeit« (2013, Ü: Ganna-Maria Braungardt) fragt die Autorin nach dem Verbleib des postsowjetischen Menschen. Sie lässt Zeitzeug:innen über sich selbst und über den Staatsapparat Russland, über das Ende des Sozialismus und den Beginn einer neuen Existenzform sprechen. »Mein Schreiben kommt mit der Zeit nicht mit«, sagt Alexijewitsch in einem ihrer Interviews. »Die Realität ändert sich heutzutage sehr schnell und ist fantastischer geworden als jede Vorstellungskraft. Wir können unsere eigene Zukunft nicht mehr vorhersagen, wir wissen nicht einmal mehr, wovon wir träumen sollen … Anders als bei Tschechows Helden können wir nicht sagen, dass das Leben und die Menschheit in hundert Jahren wunderbar sein werden! Hundert Jahre nachdem er das geschrieben hat, gab es Tschernobyl, den Angriff auf das World Trade Center in New York. Wir sind in die weite Welt hinausgegangen, haben uns selbst gesehen und sind zurückgekehrt zur immer gleichen Frage: Sind wir Europäer oder Asiaten? Wir möchten Europäer sein, aber es gelingt uns nicht. Warum ist das so?«
Swetlana Alexijewitschs Werke wurden in 52 Sprachen übersetzt und in 55 Ländern veröffentlicht. Sie dienten als Vorlage für Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher zu Dokumentarfilmen.
Für ihre engagierte Prosa erhielt sie neben dem Nobelpreis für Literatur (2015) zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kurt-Tucholsky-Preis des schwedischen P.E.N. (1996), den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (1998), den National Book Critics Circle Award (2006), den polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011) und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2013). 2011 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
Im Jahr 2020 – während der politischen Proteste nach den Präsidentschaftswahlen in Belarus – musste sie angesichts zunehmender Repressionen erneut Minsk verlassen und lebt seither in Berlin.
Stand: 2025
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
Henschel Verlag
Berlin, 1987 [Original: 1985]
[Ü: Johann Warkentin]
Suhrkamp Verlag
Berlin, 2015
[Ü: Ganna-Maria Braungardt]
Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg
Verlag Neues Leben
Suhrkamp Verlag
Berlin, 2016
[Ü: Ganna-Maria Braungardt]
Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen
S. Fischer Verlag
Frankfurt/Main, 1992 [Original: 1989]
[Ü: Ingeborg Kolinko]
Suhrkamp Verlag
Berlin, 2016
[Ü: Ingeborg Kolinko, Ganna-Maria Braungardt]
Im Banne des Todes
S. Fischer Verlag
Frankfurt/Main, 1994 [Original: 1993]
[Ü: Ingeborg Kolinko]
Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft
Berlin Verlag
Berlin, 1997 und 2006 [Original: 1997]
[Ü: Ingeborg Kolinko]
Suhrkamp Verlag
Berlin, 2019
[Ü: Ingeborg Kolinko, Ganna-Maria Braungardt]
Secondhand Zeit
Hanser Berlin
Berlin, 2013 [Original: 2013]
[Ü: Ganna-Maria Braungardt]
Suhrkamp Verlag
Berlin, 2015
[Ü: Ganna-Maria Braungardt]