23. ilb 06. - 16.09.2023

Susanne Riedel

Susanne Riedel wurde 1959 in Unna, Nordrhein-Westfalen, geboren. Zunächst war sie für die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ in Essen tätig, bevor sie 1986 nach Berlin zog. Dort arbeitete sie als Redakteurin und Moderatorin verschiedener Jugendradiosendungen, später als freie Journalistin für den „Sender Freies Berlin“ und andere Hörfunksender. 2000 wurde ihr erster Roman „Kains Töchter“ veröffentlicht. Mit beklemmender Intensität schildert sie die von Mord, Selbstmord, Inzest und Gewalt bestimmte Familiengeschichte der beiden Schwestern Joa und Timpie Leghorn. Die ältere Joa erzählt im Rückblick von den schweren physischen und psychischen Misshandlungen, denen die Mädchen seit frühester Kindheit durch die Mutter ausgesetzt waren und deren Folgen ihr weiteres Leben und Handeln bestimmen. Auch als sie erwachsen sind, gelingt es ihnen nicht, sich aus den familiären Verstrickungen zu lösen und dem Teufelskreis aus Gewalt, Schuld und erneuter Gewalt zu entfliehen. Zum Zeitpunkt des Berichts sind Timpie und Joas Tochter Ruth tot, während Joa sich in psychiatrischer Behandlung befindet, zutiefst gequält von Schuldgefühlen und Selbsthass. Die dunkel-archaische Atmosphäre des Romans entfaltet sich durch Susanne Riedels außergewöhnlichen Stil, durch die konsequente Verwendung lyrischer Bilder, biblischer Namen und bizarrer Vergleiche. Diese für ein Prosawerk ungewohnte Metaphorik bot seinerzeit Anlass zum Streit zwischen Deutschlands bekanntesten Literaturkritikern.
Auch mit dem zweiten Buch „Die Endlichkeit des Lichts“ (2001), der skurrilen Liebesgeschichte zwischen der Quizshow-Moderatorin Verna Albrecht und dem Pilzexperten Alakar Macody, zeigt sich die Autorin fasziniert vom poetischen Gehalt der Sprache. Ihre Protagonisten zitieren Gedichte von T. S. Eliot und Anne Sexton und zweifeln nicht daran, dass die Poesie der Physik in der Fähigkeit überlegen ist, „die versteckte Symmetrie des Universums“ und somit das wahre Wesen der Welt zu erkennen. Der Roman selbst ist formal in Spiegelungen, Doppelungen und Zwillingsmotiven symmetrisch konstruiert. Im Zentrum des dritten Romans „Eine Frau in Amerika“ (2003) steht ein alterndes deutsch-amerikanisches Paar, das sich während eines universitären Kulturaustauschs die Lebenslüge seiner jahrzehntelangen Beziehung eingestehen muss.
Für eine Passage aus „Die Endlichkeit des Lichts“ wurde Susanne Riedel 2000 mit dem Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet. 2002 wurde ihr der Wolfgang-Koeppen-Preis der Hansestadt Greifswald verliehen. Susanne Riedel lebt in Berlin.

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