Stephan Thome

Portrait Stephan Thome
Stephan Thome [© Max Zerrahn]

Stephan Thome wurde 1972 im hessischen Biedenkopf geboren. An der FU Berlin studierte er Philosophie, Sinologie sowie Religionswissenschaft und promovierte über das konfuzianische Denken. Langjährige Forschungsaufenthalte führten ihn nach Ostasien, u. a. nach Taipeh, wo er bis 2011 als Dozent und Übersetzer tätig war.

In seinem Romandebüt »Grenzgang« [2009] wird das titelgebende, auf einen Brauch aus Thomes Geburtsstadt zurückgehende Volksfest zum narrativen Markstein, an dem zwei der Provinz verhaftete Existenzen ihre einstigen Ambitionen mit gegenwärtigen Frustrationen abgleichen. Auch das Folgewerk »Fliehkräfte« [2012] widmet sich in einem realistischen und oft introspektiven Stil den Ausprägungen einer Mittelschichts-Midlife-Crisis. Ein Roadtrip soll letztlich Klarheit schaffen für einen saturierten Professor der Sprachphilosophie, dem die Begriffe, die er verwendet, ebenso fremd geworden sind wie sein im Kern mediokres und wirkungsarmes Akademikerdasein. Die Begegnungen auf der spontanen Reiseroute regen zur episodischen Rückschau an und zirkeln im eigentlichen Versuch eines Ausbruchs die Ursachen für die mühsam erarbeitete Stasis ab. Der daran anschließende Roman »Gegenspiel« [2015] bildet ein direktes Pendant aus der Perspektive der ebenso von angestauten Selbstzweifeln geplagten Gattin. Der ersehnte Wandel der Protagonistin erweist sich nicht als ein Entrinnen aus der familiär wie politisch geprägten Biografie, sondern als eine Konfrontation mit ihren portugiesischen Wurzeln und ein Anknüpfen an eine turbulente frühere Beziehung. Mit »Gott der Barbaren« [2018] wechselt Thome das erzählerische Terrain und wagt den Sprung zur historischen Fiktion, allerdings ohne der Exotik des gewählten Settings zu erliegen: Zur Zeit der Opiumkriege reist ein deutscher Missionar in das chinesische Kaiserreich und gerät in eine Art »Herz der Finsternis«. Das internationale Figurenensemble aus Kolonialgesandten und einheimischen Rebellen scheint gefangen zwischen individuellem und geopolitischem Machtstreben. Dabei bringt Thome nicht nur seine tiefen Kenntnisse der fernöstlichen Kultur ein, sondern lädt gleichermaßen dazu ein, aktuelle Bezüge herzustellen und Fragen nach vererbter Verantwortung und dem Einfluss des Einzelnen aufzuwerfen. In seinem jüngsten Roman »Pflaumenregen« [2021] erzählt Thome die Geschichte Taiwans und entrollt anhand einer Familientragödie ein historisches Panorama, das auch die Vorgeschichte zu den gegenwärtigen Provokationen Chinas gegenüber Taiwan verdeutlicht.

Zu Thomes Auszeichnungen zählen der aspekte-Literaturpreis [2009], der Kunstpreis Berlin und der George-Konell-Preis [beide 2014]. Zudem stand er dreimal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises [2009, 2012 und 2018]. Die 2014 mit Lars Eidinger besetzte Filmadaption seines Erstlingsromans erhielt den Grimme-Preis. Thome lebt in Taipeh.

Stand: 2022