23. ilb 06. – 16.09.2023

Slavenka Drakulić

Slavenka Drakulić wurde 1949 in Rijeka im heutigen Kroatien geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft und Soziologie, unterrichtete bis 1984 an einem Gymnasium in Zagreb und arbeitete anschließend als Redakteurin, u. a. bei der zweiwöchentlichen Zeitschrift »Start« und dem politischen Magazin »Danas«. Als das Blatt nach seiner Privatisierung zum Sprachrohr der Regierung Tuđjman gemacht werden sollte, wurde ihr gekündigt. Seit 1992 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und Journalistin für große internationale Zeitungen. Nachdem ihre Kritik an den nationalistischen Tendenzen der Regierung zu Anfeindungen geführt hatte, verlagerte Drakulić ihren Lebensmittelpunkt zeitweise nach Stockholm. Heute lebt sie in Schweden und Kroatien.
Drakulićs intelligente und scharfe Analysen Jugoslawiens und Osteuropas, der Balkankriege und der daraus hervorgegangenen neuen Staaten fanden Eingang in zahlreiche Essaybände wie »How We Survived Communism and Even Laughed« (1991; dt. »Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten«, 1991), »Balkan Express. Fragments from the Other Side of the War« (1992; dt. »Sterben in Kroatien«, 1992) oder »Café Europa. Life After Communism« (1996; dt. »Café Paradies oder Die Sehnsucht nach Europa«, 1997), in dem sie das nicht immer realistische Europa-Bild der Balkanländer dokumentiert, deren Bevölkerung nur unzureichend auf die Herausforderungen der Demokratie vorbereitet ist. In »They Would Never Hurt a Fly« (2003; dt. »Keiner war dabei«, 2004) klagt Drakulić die Individualisierung von Schuld ein. Nachdem sie monatelang die Verhandlungen vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und weitere Prozesse in Kroatien verfolgt hatte, verfasste sie rund ein Dutzend Porträts von Kriegsverbrechern. 2005 wurde sie dafür mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt.
Drakulić veröffentlicht außerdem Romane wie »Mramorna koza« (1995; dt. »Marmorhaut«, 1998), der die zerstörerischen Folgen einer extremen Passion beschreibt: Die Sehnsucht nach Nähe zur ihrer Mutter bringt ein Mädchen dazu, sich den sexuellen Übergriffen von deren Liebhaber auszusetzen. Der Roman »Kao da me nema« (1999; dt. »Als gäbe es mich nicht«, 1999) ist eine präzise und nüchterne Schilderung des Schicksals einer bosnischen Frau, die Krieg, Lager, Vergewaltigung und eine nachfolgende Schwangerschaft erleiden muss. Nach ihrem Roman-Porträt von Picassos Geliebter Dora Maar »Dora i Minotaur: Moj život s Picassom« (2015; dt. »Dora und der Minotaurus«, 2016) beschreibt sie in ihrem jüngsten Roman »Mileva Einstein, teorija tuge« (2016; dt. »Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit«, 2018) mit großem Einfühlungsvermögen das Leben von Albert Einsteins Frau, die als Physikerin mit ihm seine Theorien diskutierte und seine engste Vertraute war, letztlich jedoch an den patriarchalischen Denkmustern des frühen 20. Jahrhunderts scheiterte.