23. ilb 06. - 16.09.2023

Sergej Lebedew

Sergej Sergejewitsch Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und studierte von 1998 bis 2001 Geologie und Journalismus an der Moskauer Staatsuniversität. In der Folge arbeitete er für unabhängige russische Medien.

Neben Gedichten und Essays veröffentlichte Lebedew 2011 mit »Predel’ zabvenija« [dt. »Der Himmel auf ihren Schultern«, 2013] einen ersten Roman. Dieser beruht in zweierlei Hinsicht auf eigenen Erfahrungen: So suchte Lebedew als Spross einer sowjetischen Geologenfamilie schon als Schüler in aufgegebenen Minen nach Mineralien und Bergkristallen, um sich sein Taschengeld aufzubessern, und entdeckte dabei Reste ehemaliger Gulag-Arbeitslager. Doch auch beim Schürfen in der Geschichte seiner eigenen Familie stieß der Autor auf Spuren dieser Vergangenheit, und sein Stiefgroßvater entpuppte sich als Lagerkommandant. Die »NZZ« würdigte den Roman nicht nur als Versuch, das Schweigen über den stalinistischen Terror zu brechen und damit auch Putins geschichtsvergessenem Russland den Spiegel vorzuhalten, sondern auch als »sprachmächtige, atmosphärische Meditation über Erinnern, Vergessen, Europa und sein Anderes, untermauert von Tiefenpsychologie und Geschichtsphilosophie und Mythologie«. Lebedews zweiter Roman »God komety« [2013; Ü: Jahr des Kometen] erschien 2017 in englischer Übersetzung unter dem Titel »The Year of the Comet«. Der Autor beweist hier erneut seine Meisterschaft durch eine Aufmerksamkeit für Details und seine Fähigkeit, unerwartete Bezüge herzustellen, in diesem Fall zwischen der nur auf den ersten Blick klein wirkenden Welt eines Kindes und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. »Kirkus Reviews« sieht Lebedew daher in einer Reihe mit großen russischen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn, die nicht über gesellschaftliche Missstände schwiegen. In »Ljudi awgusta« [2016; dt. »Menschen im August«, 2015] Lebedews drittem Roman, der in Russland lange Zeit keinen Verlag gefunden hatte, betreibt der Erzähler, ausgehend vom lückenhaften Tagebuch der Großmutter, erneut literarische Archäologie und liefert laut einer Rezension der »FAZ« über Einzelschicksale hinaus ein Porträt Russlands in den 1990er-Jahren, das aufzeige, wie totalitäre Systeme an der Menschlichkeit nagten. In seinem sehr persönlichen Roman »Gus Friz« [2018; dt. »Kronosʼ Kinder«, 2018] zeichnet Lebedew eigene Familiengeschichte und deutsch-russische Historie über mehrere Jahrhunderte nach. Sein jüngster Roman »Debjutant« [2020; dt. »Das perfekte Gift«, 2021] ist ein Thriller vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs und der Gegenwart über Gifte aus russischen Labors, Agentenmorde und demiurgische Wissenschaftler.

In diversen Zeitungsartikeln nahm Lebedew 2022 Stellung zum russischen Krieg gegen die Ukraine und forderte ein grundlegendes Umdenken der Russ:innen hinsichtlich ihrer Kultur, Geschichte und politischen Strukturen. Der Autor lebt in Potsdam.