22. ilb 07. - 17.09.2022

Sergei Loznitsa

Sergei Loznitsa wurde 1964 in Baranavičy in der Belarussischen SSR geboren und wuchs in Kyiv auf, wo er nach der Schule bis 1987 Angewandte Mathematik studierte und danach am Kyiver Institut für Kybernetik arbeitete. Parallel übersetzte er aus dem Japanischen und begann sich für das Filmen zu interessieren. Ab 1991 studierte er in Moskau an der renommierten Filmhochschule WGIK.

1996 entstand sein erster Kurzfilm »Segodnja my postroim dom« [dt. »Heute bauen wir ein Haus«], der international zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Seinen Durchbruch als Dokumentarfilmer erlebte er in den 1990er-Jahren, als er eigenverantwortlich preisgekrönte Filme über das Leben in der russischen Provinz und den dortigen Arbeitsalltag drehte. Später widmete er sich auch historischen Themen wie der deutschen Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg. »Blokada« [2005; dt. »Blockade«] brachte ihm den wichtigsten russischen Filmpreis Nika ein. »Predstavlenije« [2008; dt. »Die Vorstellung«] ist eine Montage sowjetischer Wochenschauen und Amateuraufnahmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Nach einem Stipendienaufenthalt in Berlin 2000 siedelte Loznitzsa nach Deutschland über. 2010 nahm er mit seinem ersten Spielfilm »Sčast’e moë« [dt. »Mein Glück«] an den Filmfestspielen von Cannes teil. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Fernfahrer, der auf seiner Tour vom Weg abkommt und sich in der Provinz wiederfindet, wo er allmählich in den von Gewalt und Willkür geprägten Alltag hineingezogen wird. »›Mein Glück‹ ist ein beeindruckendes Debüt.« [»DIE ZEIT«]. Loznitsas zweiter Spielfilm »V Tumane« [2012; dt. »Im Nebel«], mit dem er ebenfalls nach Cannes eingeladen war, thematisiert den Deutsch-Sowjetischen Krieg im Jahr 1942 und basiert auf einem Roman von Wassil Bykau [1924–2003]. Dem Konflikt zwischen der Ukraine und der von Russland unterstützten Donezker Volksrepublik ist das Filmdrama »Donbass« [2018] gewidmet. In dem Dokumentarfilm »Babyn Jar. Kontext«, der 2021 in Cannes uraufgeführt wurde, behandelt Loznitsa das größte Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Kyiv im September 1941 durch Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD. Verwendet wurde Material aus deutschen, russischen und ukrainischen Archiven, das er audiovisuell bearbeitete. Damit will Loznitsa vor allem die ukrainische Gesellschaft dazu anregen, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Eine Aufarbeitung des Geschehens begann erst in den 1960er-Jahren in der Sowjetunion, als durch eine Flut die Überreste der Opfer aufgespült wurden. Der Film erhielt auf dem Chicago Film Festival den Silver Hugo als Bester Dokumentarfilm.

Für sein kinematografisches Schaffen wurde Loznitsa mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt. Er lebt heute in Berlin.

Stand: 2022