23. ilb 06. – 16.09.2023

Semjon Hanin

Der auf Russisch schreibende Lyriker und Performance-Künstler Semjon Hanin wurde 1970 in Riga, Lettland, geboren. Er studierte bis 1997 im estnischen Tartu und in Riga Russische Sprache und Literatur.

Seine Gedichte erschienen zunächst in lettischen und russischen Zeitschriften wie »Daugava«, »Wosduch«, »Wolga« sowie in verschiedenen Anthologien. 1999 war er einer der fünf Gründer der Gruppe Orbita, einer Vereinigung russischsprachiger Lyriker Lettlands, die sich vor allem zum Ziel setzten, ihre traditionsreiche Literatur des baltischen Raums in die modernde Kulturlandschaft zu integrieren und mit anderen Genres wie Video Art, neuen Medien, Musik und Film zu fusionieren. Für den Kritiker Dmitri Kusmin ist die Autorengruppe durch ihre »klar definierte doppelte Selbstbestimmung« interessant: »Sie sind in gleichem Maße Teil der russischen Weltliteratur wie der lettischen und der westeuropäischen Kultur, in welcher Sprache auch immer sie entsteht«.

Orbita publiziert seit der Gründung Lyrik- und Kunstbände und präsentiert eigene poetische Werke in Form von Multimedia-Installationen und Performances sowohl in ihrer Heimat als auch auf zahlreichen Festivals in Ost- und Westeuropa.

Hanins erster Gedichtband »tolko tschto« [Ü: Gerade eben] erschien 2003. In seinen Texten erforscht er vor allem seine Innenwelt sowie den Widerhall der Außenwelt in Körper und Seele. Bereits mit den ersten Worten werden die Leser:innen unmittelbar ins Geschehen geworfen, das aus einer tief im Innern wurzelnden, subjektiven Perspektive wahrgenommen wird. Mit ihren weit gefassten sprachlichen Registern fokussieren die Gedichte von Semjon Hanin, die zum Teil groteske Alltagssituationen beschreiben, vor allem auf Figuren, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen und in einem befremdlichen Verhältnis zu der als Normalität titulierten Welt stehen. Nicht selten spiegeln sie die Verlorenheit des Individuums in einer apokalyptisch anmutenden Welt: »das Schiff versank / und die Sonne schrumpfte / und das Meer kippte um und zerfloss / und wir sind hier / wir sind hier / hier.« 2017 erschien unter dem Titel »no ne tem / bet ne ar to« [dt. »Aber nicht damit«, 2021] eine zweisprachige Auswahl von Hanins Gedichten, die für den Kulturjahrespreis der Zeitung »Diena« nominiert war.

Hanin übersetzt ebenfalls ins Russische, vor allem zeitgenössische lettische Lyriker wie Edvīns Raups, Kārlis Vērdiņš, Jānis Elsbergs und Marts Pujāts. Außerdem übertrug er Gedichte des amerikanischen Lyrikers Eugene Ostashevsky aus dem Englischen. 2011 erschien seine Anthologie mit Lyrik, die zwischen 1680 und 2010 von lettischen Autor:innen in russischer Sprache geschrieben wurde. Hanin war Teilnehmer zahlreicher internationaler Festivals wie der Poesie-Biennale in Moskau, der Lyriktage Riga, dem Poesiefestival Berlin und der Esposizione internazionale dʼarte in Venedig. Hierfür entwickelte er poetische Performances und Installationen, zum Beispiel »One Face Theatre«, »Missed Details« oder »Three-Dimensional Poetry«.

Der Autor lebt in Riga.

Stand: 2022