22. ilb 07. - 17.09.2022

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde 1982 als Sohn einer Bauernfamilie in Kirchdorf an der Krems geboren und wuchs in Eberstalzell, Oberösterreich, auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien.

2008 debütierte er mit dem Roman »Der lange Gang über die Stationen«, der bereits vor Erscheinen mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet wurde und seitens des Feuilletons viel Aufmerksamkeit und Anerkennung erfuhr. Angesiedelt in den 1950er-Jahren, erzählt er von einem jungen Bauern, der mit seinen Eltern auf dem Hof der Familie lebt. Als er eine Frau aus der Stadt heiratet, setzt eine langsame Entfremdung ein. Auch der Ich-Erzähler von Kaiser-Mühleckers zweitem Roman »Magdalenaberg« [2009] ist bäuerlicher Herkunft. Nach dem Tod seines Bruders denkt er neu über sein Leben nach – »ein stilles literarisches Ereignis«, urteilte die »ZEIT«. Bereits mit diesen beiden Romanen etablierte Kaiser-Mühlecker sich als »großer Unzeitgemäßer der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« [DLF]. Von der Kritik hervorgehoben werden immer wieder seine bedächtige Sprache, die atmosphärischen Naturbeschreibungen und die psychologische Feinheit der Figurengestaltung. Peter Handke ordnete den Autor zwischen Adalbert Stifter und Knut Hamsun ein. Sich jeglichen zeitgenössischen Literaturtrends entziehend, kehrt Kaiser-Mühlecker immer wieder zum Schauplatz Oberösterreich und zum Sujet der bäuerlichen, oftmals archaisch wirkenden Lebenswelt zurück. So erzählt der Roman »Roter Flieder« [2012] über mehrere Generationen hinweg die Geschichte der Bauernfamilie Goldberger. In »Schwarzer Flieder« [2014] führte der Autor dieses Vorhaben zu Ende. »Fremde Seele, dunkler Wald« [2016] über den Zerfall einer Bauernfamilie stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Die Fortsetzung »Wilderer« [2022] wurde von der Kritik einhellig gelobt. Protagonist Jakob, ein jähzorniger, lebensmüder junger Mann, bewirtschaftet den Bauernhof seiner Familie. Im Versuch, sein Leben neu auszurichten, gründet er mit einer jungen Künstlerin eine Familie und stellt den Hof auf ökologische Landwirtschaft um. Doch die Geheimnisse seiner Vergangenheit stehen zwischen ihm und seinem Glück. »Kaiser-Mühlecker kommt seiner Figur auf faszinierende Weise nah, ohne sie nahbarer zu machen. In seinem ruhigen, fast klassischen Erzählton erscheint diese Seele unrettbar – ein Fremder in einer fremden Welt«, resümierte Ulrich Rüdenauer in seiner Besprechung für WDR3. Der Roman stand im Mai 2022 auf Platz 1 der SWR-Bestenliste.

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde für sein literarisches Schaffen vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Österreichischen Staatspreis. In Eberstalzell führt er mittlerweile den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie weiter.

Stand: 2022