23. ilb 06. - 16.09.2023

Raymond Federman

Raymond Federman zählte international zu den einflussreichsten Vertretern der literarischen Postmoderne. Der franko-amerikanische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler jüdischer Abstammung wurde 1928 in Paris geboren. Seine „wirkliche“ Geburt datiert er jedoch auf den 16.7.1942, jenen Tag, an dem in Paris mehr als 12 000 Menschen verhaftet und in die Todeslager deportiert wurden. Federmans Eltern und beide Schwestern wurden in Auschwitz umgebracht, er selbst überlebte, weil seine Mutter ihn in einem Wandschrank verbarg. Federmann emigrierte 1947 in die USA, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter und Jazz-Saxophonist durchschlug, bis er 1951 zur Armee eingezogen wurde und als Fallschirmspringer in Korea diente. 1953 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1954 begann er das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Columbia University, das er 1963 an der UCLA mit einer Dissertation zu Samuel Beckett, mit dem er eng befreundet war, abschloss. Ab 1977 führten ihn zahlreiche Gastprofessuren nach Europa, Afrika und Asien.

Obwohl sein Werk Gedicht- und Essaybände, wissenschaftliche Arbeiten, Aufsätze und Übersetzungen umfasst, betrachtete er sich nach eigener Aussage in erster Linie als Romanschriftsteller. Sein 1971 erschienener experimenteller Debütroman „Double or Nothing“ (dt. „Alles oder Nichts“, 1971), der später mehrfach ausgezeichnet wurde und ihm sofort internationale Anerkennung brachte, verbindet die formalen Experimente der konkreten Poesie mit epischer Prosa und wird zu den wichtigsten avantgardistischen Werken des vorigen Jahrhunderts gerechnet. Sein umfangreiches, autobiographisch durchwirktes Werk kreist immer wieder um die Verlassenheit und das Schuldtrauma des zufällig Überlebenden, so auch in „Take It or Leave It“ (1976, dt. 1998), das er selbst als sein wichtigstes Buch bezeichnet hat. In seinen Hamburger Poetik-Lektionen (1990) prägte er in Anlehnung an den Surrealismus den Begriff „Surfiction“ für jene Art von Literatur, die die Fiktionalität der Wirklichkeit offenlegt und von Wiederholungen, Abschweifungen und Selbstreflexionen geprägt ist. 2001 erschien der Band „Loose Shoes“ (dt. „Offene Schuhe“, 2002), eine aus 365 experimentellen Fragmenten bestehende, tagebuchartige Aufzeichnung seiner geistigen Arbeit, dem der programmatische Leitspruch vorangestellt ist, vor dessen Hintergrund sein ganzes Werk begriffen werden muss: „Ein Roman ist nicht so sehr das Schreiben eines Abenteuers als das Abenteuer des Schreibens.“ Für sein Werk, das teils zweisprachig erschien und in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist, erhielt Federman zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den American Book Award (1986). Raymond Federman starb im Oktober 2009 in San Diego.

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