23. ilb 06. – 16.09.2023

Radka Denemarková

Radka Denemarková wurde 1968 in Kutná Hora geboren. Nach dem Studium und ihrer Promotion in Prag arbeitete sie als Dozentin am Institut für tschechische Literatur an der Karls-Universität und daneben als Übersetzerin und Journalistin.

In ihrem zweiten Roman »Peníze od Hitlera« [2006, dt. »Ein herrlicher Flecken Erde«, 2009], der 2007 mit dem angesehenen tschechischen Magnesia-Litera-Preis ausgezeichnet wurde, erzählt Denemarková von dem jüdischen Mädchen Gita, das dem Tod im Konzentrationslager entrinnt und nach Kriegsende in ihre böhmische Heimat zurückkehrt. Von der Dorfbevölkerung wird sie jedoch als Deutsch sprechende Kollaborateurin der Nazis denunziert, gedemütigt und erneut vertrieben. Nachdem sie ihr Leben in Prag verbracht und als Ärztin gearbeitet hat, wagt Gita ein letztes Mal die Rückkehr an den Ort ihrer verlorenen Kindheit, um ihre Familie zu rehabilitieren, stößt aber von Neuem auf erbitterten Widerstand seitens der jüngeren Generation des Dorfes. Denemarkovás physiologische Genauigkeit spiegelt ihre luzide und an poetischen Bildern reiche Sprache, die die unmittelbar erlebte Wirklichkeit menschlicher Brutalität und Niedertracht schonungslos herausstellt. Diese am Szenischen orientierte Schreibweise resultiert nicht zuletzt aus ihren Erfahrungen als Übersetzerin etwa Bertolt Brechts oder Thomas Bernhards sowie aus der Arbeit als Lektorin und Dramaturgin am Prager Theater »Divadlo Na zábradlí«.

Neben Drehbüchern zu Dokumentarfilmen über tschechische Persönlichkeiten trat Denemarková mit ihrem faktografischen Roman über den Theaterregisseur Pétr Lébl hervor [»Smrt, nebudeš se báti aneb příběh Petra Lébla«, 2008]. Ihre theoretisch konzise und detailgetreue Schreibweise paart sich hier mit der Faszination für die Theaterwelt und der kraftvollen literarischen Aneignung gesellschaftlich kontroverser Themen. So schließt Denemarková eigenwillig den Kreis zu ihrem ersten Roman »A já pořád kdo to tluče« [2005], der das dramatische Milieu als einen Raum tiefster Leidenschaften schildert, indem er eine spannungsreiche Groteske um Mord, Abhängigkeit und existenzielle Zweifel in eine hysterische Sprache gießt. Dies ist eine weitere Facette von Denemarkovás Genregrenzen überschreitendem Schreiben. 2010 hatte ihr Theaterstück »Spací vady« [Ü: Schlafstörungen] Premiere im Theater Divadlo Na zábradlí in Prag. Nach zwei weiteren Romanen und dem Holocaust-Gedenkbuch »Als wäre das alles gestern geschehen« [2021] erschien zuletzt der Roman »Hodiny z olova« [2018; dt. »Stunden aus Blei«, 2022], eine wütende Anklage der chinesischen Diktatur und der scheinheiligen Rolle Europas, ausgezeichnet mit dem Magnesia-Litera-Preis. Der Roman wird als »Opus Magnus« beschrieben, mit dem sich die Autorin »in die Liga der nobelpreisverdächtigen Autoren geschrieben hat« [Daniela Strigl, ORF Ö1, Ex libris].

Die Autorin erhielt zudem u. a. den Georg Dehio-Buchpreis, das H. C. Artmann-Stipendium, den Literaturpreis Leuk, den Usedomer Literaturpreis, den Literaturpreis des Landes Steiermark und für ihre Übersetzung von Herta Müllers »Atemschaukel« den Magnesa Litera. Sie lebt und arbeitet in Prag.

Stand: 2022