Petr Borkovec

Pétr Borkovec wurde 1970 in Lounovice, Mittelböhmen, geboren. Der Dichter und Kulturredakteur arbeitet seit 1992 für das Kulturmagazin „Souvislosti“ (Ü: Zusammenhänge) und seit 2000 bei der Literaturzeitschrift „Literární noviny“. Als Übersetzer übertrug er vorwiegend russische Poesie (u.a. von Vladimir Nabokov, Wladislaw Chodassewitsch, Jewgenij Rein, Juri Odarcenko) in Zusammenarbeit mit Philologen aber auch antike Dramen und koreanische Lyrik ins Tschechische. Kritiker bescheinigen ihm, er beherrsche die tradierten dichterischen Mittel so souverän wie kein anderer tschechischer Autor seiner Generation und habe es daher vermocht, frühzeitig eine eigene, markante Stimme zu entwickeln. Seit 1990 sind sechs Gedichtbände des Lyrikers erschienen, darunter „Prostíraní do tichého“ (Ü: Entfaltung in die Stille) und „Mezi oknem, stolem a postelí“ (Ü: Zwischen Fenster, Tisch und Bett). Für den Band „Ochoz“ (Ü: Der Rundgang) wurde er 1995 mit dem Jirí-Orten-Lyrikpreis ausgezeichnet. Aus den Lyrikbänden Borkovecs wurden bislang vier tschechisch-deutsche Auswahlbände zusammengestellt, u. a. „Feldarbeit“ („Polní práce“, 1998) und 2004 „Nadelbuch“ („Needle-Book“, 2003). Borkovecs Gedichte dokumentieren die Zeit des Umbruchs in der Tschechoslowakei, in Prag und seinen Vorstädten. Präzise beobachtend, leise, lakonisch und mit scheinbar einfachen Mitteln schärft er den Blick des Lesers für Momente und Situationen des Alltags: Orte wie ein Bahnhof in der Provinz oder ein Haus in einem desolaten Villenvorort enthüllen ihre Morbidität. Von der Stadt, in welcher der Autor noch heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt, sagt er: „Sonntagabend, aus dem Auto, wenn wir uns der Südstadt nähern, dieser schrecklichen Siedlung, wo sich die Tankstellen häufen – das ist meine Stadt. Auch wo ich jetzt lebe, in Cernošice, habe ich das ständig: Von dort sieht man die Stadt und sie sieht aus wie Jerusalem, wenn die Lichter beginnen auf verschiedenen Ebenen zu blinken. Das ist mein Prag.“ Der distanzierte Blick prägt seine Sprache, die sich durch Ruhe und Genauigkeit auszeichnet. „Seine kunstvoll gereimten Gedichte – häufig Sonette – gleichen Stilleben, prekären Momentaufnahmen, in denen sich Außen und Innen kurzschließen“, schrieb Ilma Rakusa über den Dichter. „Dabei entfaltet die Dingwelt einen seltsamen, mitunter metaphysisch-morbiden Zauber. Resopal und Beton, Altane, Gardinen und Zäune geben sich ein Stelldichein, die Espen sind ’wie aus Alpaka’, die Styroporkrippe trostlos, die Schreibmaschine – „ein Aschenaltar“. „Vakats“ nennt Borkovec einen Gedichtzyklus, als wolle er das Geschriebene für nichtig erklären. Doch die Worte behaupten sich mit Kraft und Lakonie. Als Borkovec 2004/05 Gast des DAAD in Berlin war, schrieb er eine Reihe von Kurzprosastücken und Gedichten, die unter dem Titel „Amselfassade“ (2006) veröffentlicht wurden.

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