22. ilb 07. - 17.09.2022

Patrizia Cavalli

Patrizia Cavalli wurde im umbrischen Todi geboren. 1968 zog sie nach Rom, wo sie Philosophie studierte und mit einer Arbeit über Musikästhetik abschloss. In ihrer lyrischen Produktion, der sie sich nur gelegentlich und zögernd widmete, wurde sie von Elsa Morante bestärkt, einer der wichtigsten Vertreterinnen der italienischen Nachkriegsliteratur: »An einem bestimmten Punkt meines Lebens, hat mir eine Person, der ich vertraute, gesagt, dass ich eine Dichterin sei. Und ich habe ihr geglaubt.«
Musikalität und die kunstvolle Fügung von Gegensätzen charakterisieren Cavallis Lyrik ebenso wie ein sowohl zurückhaltender als auch heftiger subjektiver Gestus. Im ersten, titelgebenden Gedicht aus ihrem Lyrikdebüt »Le mie poesie non cambieranno il mondo« (1974; Ü: Meine Gedichte werden nicht die Welt verändern) thematisiert sie selbstbewusst, trotzig und ironisch ihre Rolle als Dichterin. Das lyrische Ich formuliert in einer klaren Sprache und oft epigrammatischen Kürze unter Einbeziehung von intertextuellen Verweisen, klassischen Gedichtformen und Versatzstücken der Alltagssprache Innensichten und Gefühlswelten, die in ihrer Kombination aus Passion und Kühle bestechen. Stilmittel wie Reim, Binnenreim und Enjambement sorgen für lautlichen und rhythmischen Wohlklang. Cavallis erster Lyrikband erschien zusammen mit dem Nachfolgewerk »Il cielo« (1981; Ü: Der Himmel) und der Sammlung »L’io singol ar e proprio mio« (Ü: Mein einzig ar tiges, mir eigenes Ich) erneut in »Poesie 1974-1992« (1992; Ü: Gedichte 1974-1992). Im Vorwort einer italienisch-französischen Ausgabe schreibt Giorgio Agamben: »Eine Prosodie, die unglaublich reich an Zäsuren und Stakkati ist, eine resolut hypotaktische Diskursstrukturierung fügt sich – man weiß nicht wie – zur flüssigsten, stufenlosesten und alltäglichsten Sprache der italienischen Poesie im 20. Jahrhundert. In dieser poetischen Sprache Patrizia Cavallis gehen Hymne und Elegie restlos ineinander auf.«
Nach »Sempre aperto teatro« (1999; Ü: Immer geöffnetes Theater), wofür sie mit dem Premio Viareggio Repaci, einem der renommiertesten italienischen Literaturpreise, ausgezeichnet wurde, erschien »La Gu ar diana« (2005; Ü: Die Aufseherin) sowie zuletzt »Pigre divinità e pigra sorte« (2006; Ü: Faule Gottheit und faules Schicksal), für den Cavalli den Premio Internazionale Pasolini erhielt. Dieser Gedichtband thematisiert die Gründe und Bedingungen für Gefühlszustände erstmals auf abstraktere, distanziertere Weise.
Neben ihrem lyrischen Werk schrieb Cavalli zwei Hörspiele für die staatliche Rundfunkanstalt RAI und übertrug u.a. Shakespe ar es Dramen »Ein Sommernachstraum« und »Der Sturm«, Wildes »Salome« sowie Molières »Amphitryon«. Die Autorin lebt in Rom.

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