23. ilb 06. – 16.09.2023

Olga Martynova

Portrait Olga Martynova
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Olga Martynova wurde 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. Sie wuchs in Leningrad auf, wo sie Russische Sprache und Literatur studierte und in den 1980ern die Dichtergruppe Kamera Chranenia [Ü: Gepäckaufbewahrung] mitbegründete. Mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Oleg Jurjew, siedelte sie 1991 nach Deutschland über. Ihre Gedichte schreibt sie auf Russisch; Essays und Prosa auf Deutsch.

2010 debütierte sie als Prosaautorin mit dem Band »Sogar Papageien überleben uns«, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Die achtzig kurzen Texte darin handeln von einer Petersburger Slawistin, die in Berlin an einem Kongress über Daniil Charms teilnimmt. Die Situation regt sie zu verschiedenen Assoziationsketten an, mit denen russisch-sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts verhandelt wird. Für ein Kapitel ihres folgenden Romans »Mörikes Schlüsselbein« [2013] gewann Olga Martynova 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Mittelpunkt des genreübergreifenden Textes steht ein russisch-deutsches Paar, das man bereits aus dem Vorgängerband kennt, mit einem illustren Freundeskreis und einem Sohn, der die Literatur zum Beruf machen will. »Olga Martynova verknüpft das im kollektiven Hauptspeicher Verwahrte und setzt es miteinander ins Verhältnis […] sie lauscht auf die geheime Korrespondenz zwischen Worten, Bildern, zwischen Deutschen und Russen, auf die verwandten Töne zwischen dem unsicheren Lächeln einer Eis-Verkäuferin und dem Abbild einer ägyptischen Pharaonentochter« [»Stuttgarter Zeitung«].

2016 erschien Martynovas Roman »Der Engelherd« über die Liebe zwischen einem Schriftsteller und einer jungen Doktorandin, die über ihn ihre Dissertation schreibt. In diesem handlungsarmen Text, der nebenbei auch eine Satire auf den Literaturbetrieb ist, erforscht Martynova mit poetischer Sprache das Verhältnis von Schönheit und Gewalt. Die titelgebenden Gestalten der geistigen Welt bekommen ebenfalls eine Stimme, um das »Triviale und Wunderbare zu versöhnen« [»Der Tagesspiegel«]. In ihrem jüngsten Essayband »Über die Dummheit der Stunde« [2018] behandelt Olga Martynova nicht nur brennende Fragen der Gegenwart wie den Zustand der heutigen russischen Gesellschaft, die Krim und ihre Landschaften und Bewohner:innen, sondern unternimmt auch Exkurse in die russische Literaturgeschichte und fügt Reisebeschreibungen ein.

Neben ihrem schriftstellerischen und essayistischen Schaffen schreibt Martynova Rezensionen für die »Neue Zürcher Zeitung«, die »Frankfurter Rundschau« und »DIE ZEIT«. Ihre russischsprachigen Gedichte wurden u. a. ins Deutsche, Englische, Italienische, Albanische und Französische übertragen. Olga Martynova erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, darunter den Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik 2000, den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2011, das Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg 2013/14 und den Berliner Literaturpreis 2015. Im selben Jahr hatte sie die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der FU Berlin inne. Sie lebt in Frankfurt am Main.

Stand: 2022