23. ilb 06. - 16.09.2023

Nuala Ní Dhomhnaill

Nuala Ní Dhomhnaill gilt als die anerkannteste zeitgenössische irische Autorin. Sie wurde 1952 in Lancashire geboren und erlebte ihre frühe Kindheit als Tochter irischer Eltern in einer britischen Umgebung. Erst als die Familie 1957 nach Irland zog, nach Dingle Gaeltacht in Kerry, entdeckte Nuala die kulturellen Unterschiede zwischen Irland und England. Ihre Affinität zur gälischen Sprache hat nicht nur mit dem Aufwachsen in der ländlichen Gegend von Gaeltacht zu tun sondern mit Nualas frühen Ferienaufenthalten bei ihrer Tante in Kerry, die für sie eine wichtige weibliche Bezugsperson war, aber auch mit ihrem Wunsch, die Anerkennung ihres Vaters zu gewinnen, der aus West Kerry stammte und die irische Sprache liebte. Schon in der Schulzeit begann Nuala, Gedichte zu schreiben, und zwei dieser auf Englisch verfassten Texte wurden in der Schulzeitung veröffentlicht. Bereits zu diesem Zeitpunkt merkte sie, dass ihr das Schreiben auf Englisch unnatürlich und unangemessen vorkam. Deshalb schrieb sie eines der beiden Gedichte auf Irish um und schickte es bei einem Wettbewerb der Irish Times ein, wofür sie dann einen Preis erhielt. Nuala hatte somit ihre Berufung zum Schreiben gefunden – zum Schreiben auf Irisch. Sie besuchte das University College Cork und zog dann mit ihrem Ehemann nach Holland, einige Jahre später für mehrere Jahre in die Türkei. 1980 kehrte die Familie mit ihren vier Kindern nach Irland zurück, wo sie heute in Dublin wohnt.

Im Laufe der Jahre hat Nuala Ni Dhomhnaill viel Anerkennung erhalten, vier Gedichtbände gewannen ihr zahlreiche internationale Preise, übersetzt sind sie ins Englische, Deutsche,  Französische, Polnische, Italienische, Norwegische, Estnische und Japanische. Nualas Beharren darauf, ausschließlich auf Irisch zu schreiben, wird im eigenen Land viel kritisiert, weshalb sie immer wieder deutlich dazu Stellung nimmt. Die Autorin hält das Irische für eine Sprache, die noch verknüpft ist mit der Zeit vor der Aufklärung. Daher hat sie etwas sehr Offenes und Wertfreies, sie wurzelt zutiefst im Alltäglichen und in menschlichen Erfahrungen, im Körperlichen, Sinnlichen und Bodenständigen, sie ist zugleich inspiriert von Mythos und Märchen. Die griechische und römische Klassik ebenso wie ein weiblicher Logos, eine weibliche Energie sind Inspiration für Nuala Ni Dhomhnaill. Ihre Gedichte thematisieren zwar stets ganz einfache Dinge, aber letztlich leisten sie es, dem Chaos unseres tatsächlichen Erlebens mit diesen tradierten mythischen Spuren Sinn zu vermitteln.

© Barbara von Bechtolsheim