23. ilb 06. – 16.09.2023

Nayantara Sahgal

Nayantara Sahgal wurde 1927 in Allahabad, im Nordosten Indiens, geboren. Als Nichte Nehrus, des ersten Premierministers des unabhängigen Indien, wuchs sie im Zentrum des Unabhängigkeitskampfes auf. 1944 starb ihr Vater Ranjit Sitaram Pandit an den Folgen seines jüngsten Gefängnisaufenthaltes unter britischer Herrschaft. Nach ihrer Schulbildung studierte sie am Wellesley College in den USA und kehrte nach Indiens Teilung im Jahr 1947 in ihre Heimat zurück. Die aktuellen politischen Ereignisse bilden oft den zeitgeschichtlichen Hintergrund von Sahgals Werk. Ihre Autobiografie »Prison & Chocolate Cake« (1954; Ü: Gefängnis & Schokoladenkuchen) machte sie als eine der ersten englisch schreibenden indischen Autorinnen über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt. Der erste ihrer neun Romane, »A Time to Be Happy« (1958; Ü: Zeit, glücklich zu sein), reflektiert aus der Perspektive eines jungen Mannes die zeitgenössischen politischen Verwerfungen und die Ablösung des Bildungsbürgertums durch eine Schicht von Neureichen. Eines der wichtigsten Themen ihrer folgenden Werke ist die wachsende Kluft zwischen der gesellschaftlichen Realität und den hohen idealistischen Zielen der Unabhängigkeitsbewegung.
Als Verteidigerin des von Nehru ge pr ägten säkularen Ideals von Indien setzt sich Sahgal für Werte wie kulturellen Pluralismus, religiöse Toleranz und Gewaltlosigkeit ein und stellt diese als der indischen Kultur inhärent dar. Dieser Standpunkt führte sie zur offenen Kritik an wichtigen kulturellen und politischen Ereignissen sowie deren Akteuren, so etwa der Finanzoligarchie in den fünfziger Jahren oder Indira Gandhis Notverordnungsgesetzen in den Siebzigern, dem aufkommenden Hindu-Fundamentalismus in den achtziger Jahren und dem Irakkrieg. Ihr Engagement für eine liberalere indische Zivilgesellschaft umfasst auch zahlreiche journalistische Beiträge, die in wichtigen internationalen Zeitungen erschienen, sowie Essaysammlungen und eine Biografie über ihre Kusine Indira Gandhi. Sahgal war Vize pr äsidentin der People’s Union for Civil Liberties und Delegierte vor der UN-Generalversammlung.
Darüber hinaus setzt sich Sahgal stark für eine bessere gesellschaftliche Stellung der Frau ein, die sie durch religiösen Radikalismus gefährdet sieht. In einer Episode aus dem einzigen auf Deutsch erschienenen Roman, »Rich Like Us« (1985; dt. »Die Memsahib«, 1989), thematisiert sie anhand des Sati-Ritus, der früher die Verbrennung der Ehefrau bei der Einäscherung ihres Mannes vorschrieb, den Terror der im Roman geschilderten Diktatur. Das Werk wurde mit dem Sinclair Prize for Fiction und dem Sahitya Akademi Award ausgezeichnet. Zu den weiteren Ehrungen der Autorin zählt der Commonwealth Writers‘ Prize. Sahgal war Fellow am Radcliffe Institute in Cambridge, USA, am Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, D.C., und am National Humanities Center in North Carolina. Sie ist Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences und Ehrendoktorin der Universität von Leeds. Sahgal lebt in Dehra Dun.

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