23. ilb 06. – 16.09.2023

Matthias Nawrat

Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, kam zehnjährig mit seiner Familie nach Bamberg. Nach dem Abschluss eines Biologiestudiums in Heidelberg und Freiburg im Breisgau immatrikulierte er sich 2009 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne.
2012 erschien sein Debütroman »Wir zwei allein«. Ein als Student gescheiterter Freiburger Gemüseausfahrer verliebt sich in eine elfenhafte Schuhverkäuferin, die sich ihm immer wieder entzieht, was beim Protagonisten ein Wechselbad der Gefühle und Reflexionen über das Sein auslöst. »Matthias Nawrat schafft es, banale Alltagssituationen in Metaphern zu gießen, die so schön sind, dass sie den Leser zwingen, innezuhalten, bloß um die Kraft der Bilder wirken zu lassen«, urteilte der »Literarische Monat«. In seinem eher düsteren Roman »Unternehmer« (2014) wird die tragikomische Geschichte vom Verfall einer Familie aus der Perspektive eines Kindes erzählt, die, als doppelter Boden, gleichzeitig eine Karikatur der modernen Leistungsgesellschaft zeichnet. In »Die vielen Tode unseres Opas Jurek« (2015) wendet sich Nawrat der Geschichte seiner eigenen Familie zu. Für die Darstellung der Überlebenserfahrungen seines Großvaters in der Zeit der deutschen Besetzung Polens, während der Inhaftierung im Konzentrationslager Auschwitz und dann unter einer sozialistischen Diktatur wählte er die Form des Schelmenromans. Nawrats vierter Roman »Der traurige Gast« (2019) war u. a. für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Hier zeigt er einen polnischstämmigen, namenlosen Flaneur in Berlin, der sich durch die winterliche Stadt treiben lässt, verschiedene Menschen trifft und ihren Lebensgeschichten lauscht. Nawrat erzählt von der Vergangenheit nicht linear, sondern setzt sie Stück für Stück zusammen aus Einzelschicksalen, die aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts von Verlust und Unsicherheit geprägt waren und sind. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz schließlich bedeutet für den Ich-Erzähler eine traumatische Erschütterung seines ohnehin fragilen Geborgenheitsgefühls. Nawrats jüngster Roman »Reise nach Maine« (2021) handelt von einem Schriftsteller, der zusammen mit seiner dominanten Mutter die USA bereisen will. Als sie ihm eröffnet, sie wolle entgegen der ursprünglichen Planung die gesamte Reisezeit mit ihm verbringen, und sich bei einem Unfall auch noch verletzt, bricht der zwischen Mutter und Sohn schwelende Konflikt endgültig auf. In minutiös gestalteten Szenen wird ihr Verhältnis offenbar – vor dem Hintergrund des Sehnsuchtsorts Amerika.
Nawrat wurde u. a. mit dem MDR-Literaturpreis (2011), dem Kelag-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis (2012), der Alfred Döblin-Medaille der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (2016) und dem Literaturpreis der Europäischen Union (2020) ausgezeichnet. Er lebt in Berlin.