23. ilb 06. – 16.09.2023

Sayaka Murata

Die japanische Schriftstellerin Sayaka Murata wurde 1979 in Inzai geboren. Als Kind begeisterte sie sich für Science-Fiction- und Kriminalromane und unternahm erste Schreibversuche. Nachdem sie die Mittelschule in Inzai abgeschlossen hatte, zog ihre Familie nach Tokio. Dort studierte sie an der Tamagawa-Universität.
Ihr Debütroman »Junyū« (2005; Ü: Stillen) wurde mit dem Gunzō-Nachwuchspreis ausgezeichnet. In ihren Werken greift sie u. a. auf Beobachtungen bei ihrer jahrelangen Tätigkeit als Aushilfskraft in einem Konbini zurück, einem 24-Stunden-Laden. Ihre Figuren zeichnen sich oft durch Unangepasstheit aus, sei es hinsichtlich der ihnen zugeschriebenen Geschlechterrolle oder der gesellschaftlichen Stellung. Auch neigen sie zum Außenseitertum in einer Umgebung, deren Werte und Normen ihnen unannehmbar scheinen. In »Konbini ningen« (2016; dt. »Die Ladenhüterin«, 2018) beispielsweise findet eine Studentin, irritiert von ihren Mitmenschen, die wahre Erfüllung in einer äußeren Anpassung an die sie umgebende Welt. Bei ihrem Job in einem Konbini schrumpfen so alle Interaktionen auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, bis sich dort ein rebellischer Mann einfindet, der ihr neues Lebenskonzept auf den Kopf stellt. Das Buch war ein Bestseller in Japan, erhielt den renommierten Akutagawa-Preis und wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Hier wie auch in »Shōmetsu sekai« (2015; Ü: Schwindende Welt) taucht zudem das Thema Asexualität, freiwilliges und unfreiwilliges Zölibat, insbesondere innerhalb der Ehe, auf. Murata ist außerdem bekannt für ihre offene Darstellung jugendlicher Sexualität in Werken wie » Gin’iro no uta« (2009; Ü: Silberlied) und »Shiro-iro no machi no, sono hone no taion no« (2012; Ü: Von Knochen, Körperwärme, bleicher Stadt). Ihr Roman »Satsujin Shussan« (2014; Ü: Mordgeburten), ausgezeichnet mit dem Mishima-Preis und dem Sonderpreis des Sense of Gender Award, präsentiert die Dystopie einer Gesellschaft mit künstlichen Reproduktionstechnologien. In ihrem jüngsten Werk »Chikyū seijin« (2018; dt. »Das Seidenraupenzimmer«, 2020) vermag sich die Ich-Erzählerin Natsuki, die als Kind von einem Lehrer missbraucht, von ihrer Familie wie eine Fremde behandelt wurde und dabei nur ihren Cousin Yu zum Verbündeten hatte, in späteren Jahren von ihren Traumata zu lösen. Zusammen mit ihrem Ehemann, mit dem sie einen Bund ohne Sex und Kinder eingegangen ist, sowie ihrem wiedergefundenen Cousin flieht sie aus den Fängen der »Menschenfabrik« der »Erdlinge« ins alte Farmhaus der Familie, wo sich in einem Zimmer früher Seidenraupen zu Kokons verspannen. Abgeschottet von der Außenwelt, entdeckt sie für sich in der Akzeptanz ihrer Andersartigkeit eine extrem neue, geradezu fantastische Lebensform außerhalb aller gesellschaftlichen Konventionen. »Sayaka Murata gehört in eine Reihe junger ostasiatischer Autorinnen, die in ihren Werken weibliche Selbsterfahrungen in patriarchalen Systemen thematisieren«, urteilte die »SZ«.
Die Autorin lebt in Tokio.