22. ilb 07. - 17.09.2022

Michèle Métail

Die Lyrikerin Michèle Métail wurde 1950 in Paris geboren. Sie studierte Germanistik und promovierte auf dem Gebiet der Sinologie mit einer Studie zu Formen der älteren chinesischen Dichtung.
Das Interesse an der lyrischen Form prägt ihr eigenes Werk. Bis 1998 gehörte sie der Bewegung OuLiPo (Ouvroir de littérature potentielle – Werkstatt der potentiellen Literatur) an, die mit (lettristischen) Formzwängen experimentiert. Michèle Métail erlegt ihren Gedichten zum Teil technische Formate auf: So beschreibt sie in ihrem Band „Les horizons du sol“ (1999, „Die Horizonte des Bodens“) geologische Formationen in einem einzigen sphärischen Satz ohne Satzzeichen mit 24 Zeilen à 48 Anschlägen je Seite. Als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD im Frühjahr 2001 verfasste sie fragmentarische Momentaufnahmen der Stadt Berlin im Fotoformat 10 x 15 (10 Zeilen à 15 Buchstaben), von Elisabeth Czurda als 10 x 17 ins Deutsche übersetzt („Gehen und Schreiben. Gedächtnis-Inventar“, 2002). Diesen tagebuchartigen Skizzen stehen Fotos von wieder anderen Orten gegenüber; Abbildung und Text erzeugen, wie schon in anderen Werken, eine Art Polyphonie.
Auch der Gruppe „Les arts contigus“ („Die verwandten Künste“), die sie mit Louis Roquin begründete, geht es um die Annäherung / das Zusammentreffen / die Konfrontation verschiedener Ausdrucksformen: Plastik, Dichtung, Musik, Gesten, Performance, Installationen…
Seit 1973 veröffentlicht Michèle Métail ihre Gedichte zumeist mündlich, auf bisher mehr als 200 interdisziplinären Lesungen und Ausstellungen in Europa und Kanada. Der mündliche Vortrag gilt als Endstufe der Kreation, „der Wurf des Wortes in den Raum“ als „höchste Form des Schreibens“. Ihr Lesevortrag basiert auf der musikalischen Annäherung an die Sprechstimme und variiert Tempo, Nuance und Ton. Das „unendliche Gedicht“ („Poème infini“) ist fortgesetzter Ausdruck dessen, eine Reflektion über die Sprache, wie z.B. in der aktuellen Passage „No Man’s Langue“ („Niemandssprache“) über das Phänomen der Fremdwörter.
Als „poète et truchement“ (Lyrikerin und Mittlerin) überträgt Michèle Métail auch chinesische Lyrik ins Französische und widmet sich der Kultur im weitesten Sinne: Gärten, Reisen, Lesen, Schreiben. Sie veranstaltet Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene in Schulen, Universitäten, Bibliotheken und Kulturzentren. Die Künstlerin erhielt zahlreiche Stipendien und Preise; im Herbst 2002 war sie Stipendiatin im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Im Sommersemester 2005 hatte sie die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der FU Berlin inne. Sie lebt in Lasalle in Südfrankreich.

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