23. ilb 06. – 16.09.2023

Michèle Métail

Die Lyrikerin Michèle Métail wurde 1950 in Paris geboren. Sie studierte Germanistik und promovierte auf dem Gebiet der Sinologie mit einer Studie zu Formen der älteren chinesischen Dichtung.
Das Interesse an der lyrischen Form prägt ihr eigenes Werk. Bis 1998 gehörte sie der Bewegung OuLiPo (Ouvroir de littérature potentielle – Werkstatt der potentiellen Literatur) an, die mit (lettristischen) Formzwängen experimentiert. Michèle Métail erlegt ihren Gedichten zum Teil technische Formate auf: So beschreibt sie in ihrem Band „Les horizons du sol“ (1999, „Die Horizonte des Bodens“) geologische Formationen in einem einzigen sphärischen Satz ohne Satzzeichen mit 24 Zeilen à 48 Anschlägen je Seite. Als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD im Frühjahr 2001 verfasste sie fragmentarische Momentaufnahmen der Stadt Berlin im Fotoformat 10 x 15 (10 Zeilen à 15 Buchstaben), von Elisabeth Czurda als 10 x 17 ins Deutsche übersetzt („Gehen und Schreiben. Gedächtnis-Inventar“, 2002). Diesen tagebuchartigen Skizzen stehen Fotos von wieder anderen Orten gegenüber; Abbildung und Text erzeugen, wie schon in anderen Werken, eine Art Polyphonie.
Auch der Gruppe „Les arts contigus“ („Die verwandten Künste“), die sie mit Louis Roquin begründete, geht es um die Annäherung / das Zusammentreffen / die Konfrontation verschiedener Ausdrucksformen: Plastik, Dichtung, Musik, Gesten, Performance, Installationen…
Seit 1973 veröffentlicht Michèle Métail ihre Gedichte zumeist mündlich, auf bisher mehr als 200 interdisziplinären Lesungen und Ausstellungen in Europa und Kanada. Der mündliche Vortrag gilt als Endstufe der Kreation, „der Wurf des Wortes in den Raum“ als „höchste Form des Schreibens“. Ihr Lesevortrag basiert auf der musikalischen Annäherung an die Sprechstimme und variiert Tempo, Nuance und Ton. Das „unendliche Gedicht“ („Poème infini“) ist fortgesetzter Ausdruck dessen, eine Reflektion über die Sprache, wie z.B. in der aktuellen Passage „No Man’s Langue“ („Niemandssprache“) über das Phänomen der Fremdwörter.
Als „poète et truchement“ (Lyrikerin und Mittlerin) überträgt Michèle Métail auch chinesische Lyrik ins Französische und widmet sich der Kultur im weitesten Sinne: Gärten, Reisen, Lesen, Schreiben. Sie veranstaltet Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene in Schulen, Universitäten, Bibliotheken und Kulturzentren. Die Künstlerin erhielt zahlreiche Stipendien und Preise; im Herbst 2002 war sie Stipendiatin im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Im Sommersemester 2005 hatte sie die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der FU Berlin inne. Sie lebt in Lasalle in Südfrankreich.

© internationales literaturfestival berlin

Bibliographie

Filigranes: poèmes du vide
OULIPO
Paris, 1986

Portraits-Robots
Ramsay
Paris, 1987

Cinquante Poèmes oscillatoires
Ramsay
Paris, 1987

Cent pour cent
Despalles
Paris, 1998

Les horizons du sol: Panorama
Centre international de poésie
Marseille, 1999

64 poèmes du ciel et de la terre
Tarabuste
Saint-Benoit-du-Sault, 2000

La ville, de la ville: plan parcellaire
Contrat maint
Marseille, 2001

Toponyme Berlin. dédale, cadastre, jumelage, panorama
Tarabuste
Saint-Benoit-du-Sault, 2002

Gehen und Schreiben: Gedächtnis-Inventar
DAAD
Berlin, 2002
Übersetzung: Elfriede Czurda

Voyage au pays de Shu
Tarabuste
Saint-Benoit-du-Sault, 2004

2888 Donauverse aus einem unendlichen Gedicht
Ed. Korrespondenzen
Wien, 2006

Übersetzerin: Elfriede Czurda