23. ilb 06. – 16.09.2023

Michael Wildenhain

Michael Wildenhain, geboren 1958 in West-Berlin, studierte ab 1977 zunächst Wirtschaftsingenieurwesen und ab 1981 Philosophie, bis er sich 1985 für ein Informatikstudium entschied. Nach einer Regiehospitanz am Thalia Theater Hamburg ist er seit 1987 freier Schriftsteller. Zu seinem umfassenden Œuvre gehören Romane, Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke und Jugendbücher.

Seine Erfahrungen in der Hausbesetzerszene, der er in den frühen achtziger Jahren kurz angehört hatte, wurden zum Stoff für erste literarische Veröffentlichungen wie »Zum Beispiel K.« (1983), »Prinzenbad« (1987) und »Die kalte Haut der Stadt« (1991). In »Erste Liebe Deutscher Herbst« (1997) steht der Protagonist, der gerade Abitur gemacht hat, an einem Wendepunkt und durchlebt die Wirren seiner ersten Liebe im Herbst 1977, einer politisch aufgeheizten Phase der deutschen Geschichte mit der Entführung Hanns Martin Schleyers, den Anschlägen der RAF und Demonstrationen gegen Atomkraftwerke. Wildenhains Generationenroman »Träumer des Absoluten« (2008) beschreibt vierzig Jahre deutscher Geschichte anhand der Entwicklung dreier Freunde, die sich zwischen politischer Radikalität und romantischen Träumen bewegen. Auch »Das Lächeln der Alligatoren« (2015), nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, widmet sich der Zeit des bundesdeutschen Terrorismus und den Verflechtungen von Politischem und Privatem und stellt die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Das Singen der Sirenen« (2017) erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer indischen Stammzellenforscherin und einem in London lehrenden deutschen Literaturwissenschaftler, den seine linke Vergangenheit einholt. »Wildenhain ist ein präziser Beobachter, der äußere Bilder genauso exakt wie innere Gemütsbewegungen einzufangen weiß« (»SZ«). In seinem jüngsten, spannungsreichen Roman »Die Erfindung der Null« (2020) lässt Wildenhain ein des Mordes verdächtigtes Mathematikgenie auf einen Staatsanwalt treffen. Während Letzterer den Mord nachzuweisen versucht, gewinnt der Tatverdächtige zunehmend die Kontrolle über die Verhörsituation.

Eine Auswahl an Theaterstücken, in denen Wildenhain sich vor allem mit Themen wie Gewalt und Rechtsradikalismus unter Jugendlichen auseinandersetzt, erschien 2012. Er leitete verschiedene Prosaschreibkurse, war Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Gastdozent an der Universität Tübingen. 2018 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition von Schriftsteller*innen und anderen Kulturschaffenden gegen die Ausgrenzung von Fremden und den Schutz von Menschen, »die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen«. Sein literarisches Werk wurde u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Ernst-Willner-Preis, dem Stipendium der Villa Massimo sowie dem London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Er lebt in Berlin.