23. ilb 06. – 16.09.2023

Michael Palmer

Michael Palmer wurde 1943 in New York City geboren. Er studierte Komparatistik an der Universität Harvard und ließ sich 1969 in San Francisco nieder. Zusammen mit Clark Coolidge gab er während seines Studiums die Zeitschrift „Joglars“ heraus. Sein erster Lyrikband erschien 1971 unter dem Titel „Plan of the City of O“ (Ü: Plan der Stadt O). Palmer erhielt u.a. Stipendien des Literature Program of the National Endowment for the Arts und von der Guggenheim Foundation und wurde für „At Passages“ (1995; Ü: In Passagen) mit dem America Award for Poetry ausgezeichnet. Im Jahr 2006 erhielt er den Wallace Stevens Award der Academy of American Poets. Auch als Herausgeber und Übersetzer von brasilianischer, französischer und russischer Lyrik machte sich Michael Palmer einen Namen. Seine eigenen Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Häufig arbeitete der Dichter mit Musikern und Performern zusammen. Allein mit Margaret Jenkins führte er seit 1974 über zwölf Tanztheaterprojekte durch. Außerdem verfasste er Hörspiele sowie Essays und legte 1998 einen Prosaband, „The Danish Notebook“ (Ü: Das dänische Notizbuch), vor. Nach den Lyrikbänden „The Promises of Glass“ (2000, Ü: Die Versprechen des Glases) und „Codes Appearing“ (2001, Ü: Erscheinende Codes) erschien zuletzt die Gedichtsammlung „Company of Moths“ (2005; Ü: Gesellschaft der Motten). Palmer ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Sulfur“ und tritt an vielen Colleges und Universitäten in Amerika und Europa als Dozent und als Redner auf.

Die Lyrik Michael Palmers wirkt auf den ersten Blick verstörend. Die Syntax ist brüchig, Referentialität wird verweigert, die Worte verbinden sich zu immer neuen, unerwarteten, scheinbar unsinnigen Bedeutungseinheiten. Konjunktionen führen den Leser in die Irre und die Suche nach Bedeutung geht ins Leere. Dem Literaturwissenschaftler George Hartley zufolge erkundet Palmer in seinen Gedichten „die syntaktischen und logischen Konventionen, die in unsere Sprache eingebaut sind und die dazu dienen, einen spezifischen Themenkontext zu definieren. Diese Konventionen – wie Parenthese, Apposition und Konjunktion – werden einer verwirrenden ‚Entfremdung‘ unterzogen, […] der Kontext wird immer wieder bestätigt und unterlaufen.“

Was durch die Negierung der Gesetze narrativer Logik zunächst abweisend und hermetisch wirkt, vermittelt, so das Konzept des Dichters, in einer direkteren Weise zwischen den Erfahrungs- und Empfindungsrealitäten von Autor und Leser. Ausgehend von der Beobachtung, dass beispielsweise Erinnerung nicht linear verläuft, vertraut Palmer darauf, dass die poetische Sprache in ihrer Komplexität, in ihren Brechungen, Auslassungen und Umwegen unmittelbarer wirkt als eine auf Eindeutigkeit zielende Äußerung: „Was als Zeichen für Offenheit angesehen wird – die konventionelle narrative Ordnung –, kann für Geheimhaltung stehen, während das, was allgemein als Zeichen für Verweigerung oder Ausflucht gilt – Auslassung, Umschreibung etc. –, von einem anderen Standpunkt aus betrachtet wie eine Enthüllung erscheinen kann.“

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