Michael Ondaatje

Portrait Michael Ondaatje
© Hartwig Klappert

Michael Ondaatje wurde 1943 auf Ceylon (heute Sri Lanka) geboren. Nach zehnjährigem Aufenthalt und Beginn eines Studiums in England wanderte er 18-jährig in Kanada ein und ist seit 1962 kanadischer Staatsbürger. Er studierte an der Bishop’s University, der University of Toronto und der Queen’s University. Seit 1971 unterrichtet er Kreatives Schreiben und Gegenwartsliteratur am Glendon College der York University.

Ondaatje debütierte mit dem Gedichtband »The Dainty Monsters« (1967; Ü: Die holden Monster), dem zahlreiche weitere folgten, bevor er mit seinen Romanen weltbekannt wurde. »The Collected Works of Billy the Kid« (1970; dt. »Die gesammelten Werke von Billy the Kid«, 1997), eine Collage verschiedenster Textgenres, wurde für die Bühne adaptiert. Auch Ondaatjes erster Roman »Coming Through Slaughter« (1976; dt. »Buddy Boldens Blues«, 1995) wurde auf die Bühne gebracht und fand in Deutschland ein begeistertes Theaterpublikum. »Running in the Family« (1982; dt. »Es liegt in der Familie«, 1992) – eine Zusammenstellung von Sketchen, Geschichten, Gedichten und Fotografien – zeichnet ein ebenso farbenfrohes wie faszinierendes Bild von Ondaatjes Elternhaus im kolonialen Ceylon.

In dem impressionistischen Roman »In the Skin of the Lion« (1987; dt. »In der Haut eines Löwen«, 1990), der im Toronto der zwanziger Jahre spielt, sind die Grenzen zwischen Realität, Erfindung und Legende fließend. Für »The English Patient« (1992; dt. »Der englische Patient«, 1993) erhielt Ondaatje als erster Kanadier den Booker-Preis. Die Verfilmung von Anthony Minghella wurde 1996 mit neun Oscars ausgezeichnet. 2000 erschien »Anil’s Ghost« (dt. »Anils Geist«, 2000). In diesem Roman kontrastiert Ondaatje die in poetischen Farben gezeichnete Schönheit Sri Lankas mit den Grausamkeiten des Bürgerkriegs. Ondaatjes neuester Roman »Divisadero« (2007) zeichnet die Geschicke dreier Personen nach, die zu Außenseitern werden und in völlig unterschiedlichen Welten leben. Er erschien ebenfalls 2007 in deutscher Übersetzung.

Ondaatje ist auch als Regisseur sowie als Theaterautor erfolgreich. Über den kanadischen Lyriker und Klangpoeten bp Nichol (1944-1988), der, wie Ondaatje sagt, die zeitgenössische Lyrik maßgeblich beeinflusst hat, drehte Ondaatje den Film »Sons of Captain Poetry« (1970; Ü: Die Söhne von Kapitän Poesie). »The Clinton Special: A Film About The Farm Show« (1974; Ü: Das Clinton-Special: Ein Film über die Farm Show) zeichnet einen Landaufenthalt auf, zu dem sich einige Schauspieler zusammengefunden hatten, um ein realitätsnahes Theaterstück zu schreiben. 2002 erschien Ondaatjes Buch über den Klangregisseur Murch »The Conversations: Walter Murch and the Art of Editing Film« (dt. »Die Kunst des Filmschnitts: Gespräche mit Walter Murch«, 2005).

Unter seinen Auszeichnungen sind auch der Governor General’s Literary Award für Lyrik (mit dem Ondaatje drei Mal ausgezeichnet wurde), der Trillium Award, der Nelly-Sachs-Preis und der Prix Médicis. 1988 wurde er zum Officer of the Order of Canada ernannt und zwei Jahre später zum Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Ondaatje trat auch als Autor verschiedener Essays und Herausgeber mehrerer Anthologien hervor. Er ist Mitherausgeber der literarischen Zeitschrift »Brick« und lebt in Toronto.