Matthias Zschokke

Portrait Matthias Zschokke
© Ali Ghandtschi

Matthias Zschokke wurde 1954 in Bern geboren und wuchs im Schweizer Mittelland auf. In Zürich absolvierte er die Schauspielschule und wurde anschließend an dem seinerzeit unter der Intendanz von Peter Zadek stehenden Schauspielhaus Bochum engagiert.Sein Prosadebüt gab er mit dem Roman »Max« (1982). Neben mehreren Romanen verfasste Zschokke zudem zahlreiche auch international aufgeführte Bühnenstücke. Der Band »Lieber Niels« (2011) versammelt circa 1500 Nachrichten Zschokkes aus der umfangreichen E-Mail-Korrespondenz (2002 bis 2009) mit dem Kölner Publizisten Niels Höpfner. Nie zur Publikation vorgesehen, geben die datierten Mitteilungen einen ungefilterten Einblick in die privaten Anliegen des Autors – von Alltäglichem über pointierte Reiseberichte, Freundschaftsdienste, Reflexionen zur Diskrepanz zwischen dem Status als prämierter Schriftsteller und seiner prekären Außenseiterposition bis hin zu rückhaltlosen und zugleich hochgradig ironischen Tiraden über den Literatur- und Kunstbetrieb. In der Abwesenheit des Adressaten erschließt sich eine imaginäre, notwendigerweise narrative Qualität, welche die gesammelten Schreiben zu einem zeitgenössischen, wenn auch »einseitigen« Briefroman bündelt. Zschokkes bislang letzter Roman »Der Mann mit den zwei Augen« (2012) aspiriert bewusst auf eine literarisch-existenzielle Beliebigkeit, die bereits in seinem Erstling oder in dem mehrfach prämierten Roman »Maurice mit Huhn« (2002) angelegt ist. Die Profillosigkeit des titelgebenden Protagonisten – ein Niemand und Jedermann zugleich – spiegelt sich wiederum in Plot, Stil und narrativem Modus, die allesamt darauf abzielen, jegliche Individualität und Originalität zu unterminieren. Mit dem jüngsten Buch »Die strengen Frauen von Rosa Salva«(2014) findet die schriftlich fixierte Selbstbetrachtung mittels autoreneigenem E-Mail-Verkehr eine Fortsetzung. So bilden die Berichte an Zschokkes anonym bleibende Freunde und Kollegen eine tägliche Chronik seines sechsmonatigen Aufenthalts in Venedig. Die Lagunenstadt wiegt auch den beklagten Ideenmangel auf, wenn er notiert: »Unglaublich, wie dicht hier alles beieinanderliegt, wie reich, bunt, verschwenderisch. Wenn ich Phantasie hätte wie Venedig, wären meine Bücher prallvolle Wundertüten und Weltbestseller.«Neben seinem literarischen Schaffen realisierte Zschokke, vorwiegend in eigener Produktion, die Spielfilme »Edvige Scimitt« (1985), »Der Wilde Mann« (1988) und »Erhöhte Waldbrandgefahr« (1996). Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen der Robert-Walser-Preis (1981), der Preis der deutschen Filmkritik (1986), der Gerhart-Hauptmann-Preis (1992), der Solothurner Literaturpreis (2006), der Prix Femina Étranger (2009) sowie der Eidgenössische Literaturpreis (2012). Zschokke lebt seit 1979 in Berlin.