23. ilb 06. – 16.09.2023

Mats Wahl

Mats Wahl, der große »Realist des Jugendbuchs« (»Die Zeit«), wurde 1945 auf der schwedischen Insel Gotland geboren. Nach dem Studium der Pädagogik, Literatur und Sozialanthropologie arbeitete er zwanzig Jahre lang als Lehrer für sozial benachteiligte Jugendliche und war in der Erwachsenenbildung tätig. Seit seinem Debüt mit »Hallonörnen« (1980; dt. »Himbeeradler«, 1981) sind über vierzig Bücher erschienen. Sein vielfach übersetztes Œuvre umfasst verschiedenste Gattungen und Genres: historische Werke, Kriminal-, Kindheits- und Adoleszenzromane, Drehbücher, Theaterstücke sowie Sachbuchtitel. Heute gehört Mats Wahl zu den bedeutendsten Jugendbuchschriftstellern des skandinavischen Sprachraums. Nach seiner Rolle als Autor gefragt, entgegnet er: »Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, hoffnungsvolle Geschichten, sondern gute Geschichten zu schreiben. Und das ist nicht dasselbe.«

Vielschichtig erzählt Wahl von den großen und kleinen Dramen des Erwachsenwerdens. Inspiriert von Begegnungen mit jungen Menschen in Außenseiterpositionen, zeichnet er wahrhaftige Charaktere nach, die sich in einer komplexen Lebensrealität behaupten müssen. Dass seine Protagonisten nicht vollkommen sind, macht sie menschlich und seine Romane zu einer schonungslosen Analyse jugendlicher Erfahrungswelten. Seine Figuren decken das Brüchige unter der Oberfläche auf und entlarven die Lügen der Erwachsenen. Mit harter Feder und psychologischem Gespür gelingt es ihm, inneres Erleben sichtbar zu machen und seinen Lesern Hoffnung mit auf den Weg zu geben. »Wild wie die Adoleszenz selbst, atemlos, direkt und expressiv« – so die Jurybegründung des Deutschen Jugendliteraturpreises – schildert »Vinterviken« (1993; dt. »Winterbucht«, 1995) die Geschichte des Ich-Erzählers John-John, der zwischen Kleinkriminalität und Kleinbürgertum aufwächst und von einem besseren Leben träumt. »Mats Wahl ist kein Freund prosaischer Unschärfen«, kommentierte »Die Zeit«. »Wenn er über die Existenzkrisen Jugendlicher schreibt, über pubertäre Lust, Freundschaft, Liebe, über Sehnsucht, über Gewalt und Hass, dann wirkt nichts konstruiert.« Auch in seiner hoch gelobten, vierteiligen Krimireihe um Kommissar Harald Fors, die 2000 mit »Den Osynlige« (dt. »Der Unsichtbare«, 2001) begann, besticht er als großer Erzähler und wirft einen kritischen Blick auf die schwedische Gegenwartsgesellschaft: Als Hilmer Eriksson spurlos verschwindet, stößt Fors in seiner Schule auf eine rechtsradikale Gruppierung. Gekonnt entwickelt Wahl eine atmosphärisch dichte Geschichte über Fremdenfeindlichkeit und blinden Hass. Gleichermaßen virtuos erzählt er in den anschließenden Fällen von jugendlichen Desperados und Tätern, die nicht selten auch Opfer sind – und spannt den Bogen in »Återkomst« (2005; dt. »Die Rache«, 2008) bis hin zu der Frage, ob sich Selbstjustiz rechtfertigen lässt.

Mats Wahl wurde mit internationalen Auszeichnungen geehrt, u.a. mit der Nils-Holgersson-Plakette (1989), dem Augustpriset (1993), dem Janusz-Korczak-Preis (1994) sowie dem Deutschen Jugendliteraturpreis (1996). Der Schriftsteller lebt in Stockholm.

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