22. ilb 07. - 17.09.2022

Mathura

Margus Lattik wurde 1973 in Tallinn geboren. Er studierte an der Universität Tartu Englische Philologie. Während seines Aufenthalts in Indien von 2000 bis 2003 bildete er sich zudem am Vrindavan Institute for Higher Education fort, das in der Nähe der Stadt Mathura liegt – von da an sein Künstlerpseudonym. Auch erforschte er die indigene Kultur auf der philippinischen Insel Palawan. In Estland engagierte er sich lange Zeit in der Hare-Krishna-Bewegung, ist mittlerweile jedoch nicht mehr aktiv.

Sein literarisches Debüt gab Lattik Ende der 1990er Jahre mit Texten in einem Sammelband der literarischen Gruppe Erakkond um Kristiina Ehin, Mehis Heinsaar, Kalju Kruusa, Aare Pilv und Berk Vaher. 2001 erschien sein erster Gedichtband »Poeesia valgel taustal« (Ü: Poesie vor weißem Hintergrund), die Texte darin sind geprägt von der indischen Tradition. Seitdem hat er sechs Gedichtsammlungen, ein Kinderbuch, ein Reise-Buch und eine CD mit Gedichten und Musik veröffentlicht. Stilistisch schreibt er hauptsächlich in freien Versen, thematisch steht er dem Existentialismus nahe. Vor allem sind es zwei Grundmotive, die in seinem Werk vielfach hervortreten: die Vorrangstellung der Natur, was seine Texte in den Bereich der Naturlyrik rückt, und die Visualisierung von landschaftlichen Besonderheiten als eine Sonderform des poetischen Reiseberichts. Bei dieser Sichtbarmachung entsteht eine Art kontemplativer Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint und ein Zustand uneingeschränkter Konzentration auf den gegenwärtigen Moment entsteht. »Ich arbeite an jedem Wort, / ziehe meine Linien wie gepflegte Gartenbeete / sodass jedes etwas Einfaches wird / wie ein Strahl der untergehenden Sonne und ein paar Windstöße, / etwas, das so natürlich klingt / wie der singende Sand oder das Plätschern von Wellen, / und zugleich etwas Königliches und / Erhabenes.« Mit »Jääminek« (Ü: Eisgang) veröffentlichte Lattik 2016 seinen ersten Prosatext, den er selbst als eine Art Langgedicht bezeichnet. Das Buch erzählt die Geschichte eines einsamen alten Mannes in einer verlassenen Landschaft, der über die Vergangenheit nachdenkt sowie über die Zeit und die Stille des Winters.

Lattik ist außerdem als Maler, Literatur- und Filmkritiker und Moderator im Klassikradio tätig und schreibt Essays über Kunst. Seine Gedichte wurden von mehreren Bands vertont, darunter von der Volksmusikgruppe Kirtana Rasa. Seine Werke wurden u. a. ins Englische, Finnische, Hebräische, Schwedische, Chinesische und Spanische übersetzt. Lattik promoviert an der Universität Tartu über den Postkolonialismus am Beispiel von Derek Walcott, den er, wie Dylan Thomas, aus dem Englischen übersetzte. Auch aus dem Hindi übertrug er Werke, zum Beispiel die von Kunwar Narain und Mirabai. 2014 wurde Lattik mit dem Gustav-Suits-Preis und 2017 mit dem Virumaa-Literaturpreis ausgezeichnet. Er lebt im estnischen Lelle.