23. ilb 06. – 16.09.2023

Nicolas Mathieu

Nicolas Mathieu, geboren 1978 in Épinal (Vogesen), war früh in seinem Leben mit Klassenunterschieden konfrontiert. Als Schüler in katholischen Privatschulen war Mathieu als Sohn eines Elektromechanikers und einer Buchhalterin von einem deutlich privilegierteren Umfeld umgeben. Schon mit 14 Jahren fasste er den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Nach einem Studium der Geschichts- und Filmwissenschaften an der Universität Metz arbeitete er in verschiedenen Bereichen des Kultur- und Medienbetriebs. Bereits mit 22 Jahren schrieb er seinen ersten Roman, den er danach allerdings als einen »narzisstischen Reinigungsprozess« einstufte und nicht veröffentlichte.
2014 debütierte Mathieu dann mit »Aux animaux la guerre« (dt. »Den Tieren der Krieg«, voraussichtl. 2021), einer Art Endzeitroman, der in einem kleinen Ort in den Vogesen spielt, wo die Bewohner an den Folgen der Deindustrialisierung leiden. Der Roman, für den Mathieu den Prix Erckmann-Chatrian 2014 und den Prix Mystère de la critique 2015 erhielt, diente als Grundlage für eine sechsteilige Fernsehserie von France 3, die 2018 produziert wurde. In seinem zweiten Roman »Leurs enfants après eux« (2018; dt. »Wie später ihre Kinder«, 2019) setzt Mathieu sich mit dem vergessenen Frankreich der 1990er Jahre auseinander. Die Handlung spielt in der französischen Provinz: Erdrückend sind die sozialen Probleme nach der Stilllegung der ansässigen Industrie; es herrscht Perspektivlosigkeit. Mathieu begleitet eine Gruppe Jugendlicher beim Erwachsenwerden. In der untergehenden Welt ringsum müssen sie ihren eigenen Weg finden. Dabei entdecken sie ihre Sexualität, kämpfen gegen die stetig empfundene Langeweile und Sehnsucht nach einem anderen Leben. Mathieu versteht es meisterlich, die Tristesse der Gleichförmigkeit, die Melancholie des Verfalls in einer jugendlichen Sprache einzufangen und zum textuellen Sound seines Romans zu verdichten. In gewisser Weise steht »Leurs enfants après eux« in der Tradition der realistischen Romane des 19. Jahrhunderts von Schriftstellern wie Balzac und Zola. Neben aktuellen sozialen Problemen liegt ein besonderer Schwerpunkt auf dem emotionalen Innenleben der Figuren und ihrer Entwicklungsgeschichte. »Meine persönlichen Erfahrungen haben mich besonders für bestimmte Themen sensibilisiert: soziale Klüfte, die daraus folgenden Herabsetzungen, Situationen, in denen sich Brüche und ausgeprägte soziokulturelle Unterschiede zeigen … Aber neben dem Autobiografischen gibt es das Thema der unerwiderten Liebe, das der rote Faden, das zentrale Motiv meiner Teenagerjahre war.« Der Roman wurde 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
Heute lebt der Autor in Nancy.