22. ilb 07. - 17.09.2022

Martín Kohan

Martín Kohan wurde 1967 in Buenos Aires geboren. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Buenos Aires, wo er mit einer Arbeit über den argentinischen Nationalhelden San Martín pr omovierte und heute Literaturtheorie lehrt. Außerdem ist er Dozent an der Universidad Nacional de la Patagonia San Juan Bosco in Trelew und schreibt als Literaturkritiker u.a. für die Tageszeitung »Clarín«.

Im Werk Kohans verbinden sich lebendige Handlungen mit politisch-ästhetischer Reflexion. S pr achliche und erzähltechnische Präzision ist mit feiner Ironie durchsetzt. Seine luziden und feinnervigen Auseinandersetzungen mit identitätsstiftenden Momenten und Mythen der argentinischen Geschichte haben ihm einen festen Platz in der intellektuellen Landschaft seines Landes eingebracht.

Kohans erster Roman, »La pérdida de Laura« (Ü: Lauras Verlust), erschien 1993. Die beiden folgenden Romane, »El informe« (1997; Ü: Der Bericht) und »Los cautivos« (2000; Ü: Die Gefangenen), befassen sich mit verschiedenen Momenten der argentinischen Geschichte. Letzterer stellt »wirkliche« Gauchos dem romantisierenden Bild von ihnen gegenüber. Auf große Resonanz in seinem Heimatland stieß sein vierter Roman, »Dos veces junio« (2002; Ü: Zweimal Juni), der die argentinische Militärdiktatur thematisiert. Aus der Perspektive eines Rekruten, der sich mit der Frage eines Vorgesetzten konfrontiert sieht, ab welchem Alter man Kinder foltern könne, erzählt er vom moralischen Verfall und der erschütternden Unbedarftheit vieler Gefolgsleute des Regimes.

Der Roman »Segundos afuera« (2005; dt. »Sekundenlang«, 2007) pr äsentiert eine raffiniert konstruierte Geschichte über die 17 Sekunden, die den argentinischen Herausforderer Firpo im Jahr 1923 um seinen Sieg gegen den amerikanischen Boxweltmeister Dempsey brachten. Diese Episode wählt fünfzig Jahre später der Sportredakteur eines patagonischen Provinzblatts für seinen Beitrag zu einer Jubiläumsausgabe der Zeitung aus. Bei seinen Recherchen stößt er auf eine unscheinbare Todesmeldung, die sich – weitere zwanzig Jahre später – als Verbindung zwischen dem Boxkampf und einem anderen Großereignis herausstellt, das zur gleichen Zeit stattfand: der Aufführung von Mahlers 1. Sinfonie durch Richard Strauss in Buenos Aires. Der Roman konstruiert facettenreiche Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und zeitlichen Ebenen und geht zugleich dem spannungsvollen Verhältnis zwischen Hoch- und Populärkultur nach.

Kohan veröffentlichte auch Erzähl- und Essaybände, darunter »Zona Urbana« (2004; Ü: Städtische Zone) über Walter Benjamin und »Imágenes de vida, relatos de muerte« (1998; Ü: Bilder des Lebens, Geschichten des Todes) über Eva Perón. In seinem jüngsten Roman, »Museo de la revolución« (2006; Ü: Das Revolutionsmuseum), setzt sich Kohan wiederum mit politischen und ästhetischen Fragen auseinander: Die Aufzeichnungen eines linken Aktivisten aus dem ideologisch aufgeheizten Argentinien der siebziger Jahre werden zwanzig Jahre später von einem Verleger gelesen, der sie nun veröffentlichen möchte. Martín Kohan lebt in Buenos Aires.

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