22. ilb 07. - 17.09.2022

Marie Darrieussecq

Marie Darrieussecq wurde 1969 im französischen Bayonne geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft u. a. an der Ecole Normale Supérieure und der Sorbonne Nouvelle in Paris und erlangte 1997 die Doktorwürde in Französischer Literatur. Schon im Kindesalter begann sie zu schreiben, während ihrer Promotion veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Truismes« (1996, dt. »Schweinerei«, 1997), mit dem sie international Aufsehen bei Kritikern und Publikum erregte un der in über 30 Sprachen übersetzt wurde. Darrieussecq gab daraufhin ihre Lehrtätigkeit an der Université Lille auf und widmet sich seither ganz dem Schreiben.

»Truismes« erzählt in einem inneren Monolog von der skurrilen Verwandlung der Protagonistin, einer jungen Frau, in eine Sau. Als die Metamorphose vollzogen ist, steht Paris politisch, gesellschaftlich und moralisch am Abgrund, die Protagonistin flieht schließlich in den Wald. In der Kritik erfuhr der Roman die unterschiedlichsten Deutungen von der politischen Parabel über die Gesellschaftssatire bis zum weiblichen Entwicklungsroman.

Darrieussecqs zweiter Roman »Naissance des fantômes« (1998, dt. »Gespenster sehen«, 1999) schildert in ungewöhnlichen Bildern die persönlichen Erfahrungen einer Frau, die sich auf die Suche nach ihrem spurlos verschwundenen Ehemann begibt. Der Verlust eines Familienmitglieds und die daraus resultierenden Emotionen stehen auch im Mittelpunkt des komplex konstruierten Romans »Bref séjour chez les vivants« (2001; Ü: Kurzer Aufenthalt bei den Lebenden), der in vier miteinander verwobenen Bewusstseinsströmen erzählt wird. Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes erschien »Le bébé« (2002, dt. »Das Baby«, 2004), in dem sich Darrieussecq humorvoll mit der Mutterschaft auseinandersetzt. »Tom est mort« (2007, Ü: Tom ist tot) handelt erneut von einem Verlust und lässt den Leser in die desolate Gefühlswelt einer Mutter eintauchen, die ihren Sohn verloren hat. Mit »Le Musée de la mer« (2008; Ü: Das Museum des Meeres) zum ersten Mal ein Theaterstück, das im Frühjahr 2009 in Reykjavik uraufgeführt wurde. 2008 legte Darrieussecq zudem »Tristes Pontiques«, eine Neuübersetzung Ovids, vor.

Ihr Roman »Il faut beaucoup aimer les hommes« (2013; dt. »Man muss die Männer sehr lieben«, 2015) schildert sie in einer bilderreichen und intensiven Sprache die Geschichte einer weißen Schauspielerin, die einem schwarzen Filmregisseur nach Afrika folgt. 2016 legte Darrieussecq ihre Biographie der Künstlerin Paula Modersohn-Becker »Être ici est une splendeur« (dt. »Hiersein ist herrlich«, 2019) vor, in der sie den kurzen Lebensweg der Künstlerin in ihrem Kampf um Unabhängigkeit in einer von Männern dominierten Kunstwelt nachzeichnet. In ihrem jüngsten Roman, der Dystopie »Notre vie dans les forêts« (2017, dt. »Unser Leben in den Wäldern«, 2019), flieht eine ehemalige Psychiaterin aus einer komplett digitalisierten und vernetzten Welt in die Abgeschiedenheit der Wälder, wo sie mit Bleistift ihren Lebensbericht zu Papier bringt in der Hoffnung, irgendwer könne ihren Mahnruf vor der menschlichen Apokalypse lesen.

Marie Darrieussecq war mit »Truismes« für den Prix Goncourt 1996 nominiert. Den Prix Médicis erhielt sie 2013 für »Il faut beaucoup aimer les hommes.« Sie lebt in Paris.

Anja Franke/Franziska Zwerg