23. ilb 06. – 16.09.2023

Marie-Aude Murail

Marie-Aude Murail, 1954 im französischen Le Havre geboren, stammt aus einer Schriftstellerfamilie und gehört mit mehr als zwei Millionen verkaufter Titel zu den beliebtesten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen ihres Heimatlandes. Sie promovierte an der Sorbonne in Paris in Neuer Philologie. Zunächst schrieb sie für Erwachsene, bevor sie sich 1986 der Kinder- und Jugendliteratur zuwandte. Ihr umfangreiches Werk, das mehr als achtzig Buchtitel umfasst, erstreckt sich von illustrierten Kinderbüchern und Erstlesetexten über fantastische Erzählungen bis hin zu losen Jugendbuchreihen und Büchern für junge Erwachsene. Murails Bücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und in den Kanon französischer Schullektüre aufgenommen.

Mit Sprachwitz und viel Gespür für Situationskomik entwickelt die Autorin ihre Geschichten um ungewöhnliche Charaktere in den erschütterndsten Lebenslagen. Ihre oft bittersüßen Geschichten um alleingelassene Heranwachsende, hochintelligente Kinder und egoistische Erwachsene zeichnen sich durch grotesk gesteigerte Verwicklungen aus, die die Autorin mit Esprit, Humor und distanziertem Ton auszumalen weiß, ohne dabei die Ernsthaftigkeit ihrer Figuren in Frage zu stellen. In dem Jugendbuch »Oh, boy« (2000; dt. »Halb und halb für drei«, 2006) schwören sich die Geschwister Siméon, Morgane und Venise nach dem Selbstmord ihrer Mutter, dass sie niemand mehr trennen kann. Doch die Behörden sind streng, die erwachsenen Halbgeschwister unfähig, und das Schicksal zeigt sich erbarmungslos, als der Älteste an Leukämie erkrankt. Mit Drastik und erfrischender Unbekümmertheit schreibt Murail über menschliche Stärken und Schwächen, das Anderssein und die Tücken der Normalität: »Man kann vom Leben so erzählen, wie es ist, und dabei die Hoffung bewahren. Im Leben ist nichts endgültig verloren. Aber Humor ist notwendig. Man kann in den schwierigsten Lebenssituationen lachen und sich amüsieren. Das ist es, was ich Kindern mit diesem Buch zeigen will.« Für ihren Jugendroman »Simple« (2006; dt. »Simpel«, 2007), der die tragikomische Geschichte zweier Brüder erzählt, erhielt die Autorin 2006 den Prix des Lycéens allemands: Simpel, 22 Jahre alt, besitzt das geistige Niveau, die Unberechenbarkeit und die schonungslose Ehrlichkeit eines Dreijährigen. Zusammen mit seinem 17-jährigen Bruder Colbert, der ihn aus dem Heim geholt hat, zieht Simpel in eine Pariser Studenten-WG, wo er mit seinem Hang zum Chaos und seiner entlarvenden Naivität zunächst wenig Zuneigung erntet. Eindrucksvoll erzählt die Autorin von Mut und Eitelkeit, Solidarität und Liebe. »Ein Buch, das ein gesellschaftliches Tabu auf humorvolle Weise dem Leser nahe bringt und zugleich die Bedeutung der Auseinandersetzung mit diesem Thema unterstreicht«, urteilte die Bundesjury des Prix des Lycéens allemands.

Murail wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter zweimal mit dem Prix Sorcières (1989/1990) sowie mit dem Prix jeunesse France Télévision und dem Prix Tam-Tam de Salon du livre de jeunesse de Montreuil. Seit 2004 ist sie Chevalier de la Légion d’Honneur. Marie-Aude Murail lebt in Orléans.

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