23. ilb 06. – 16.09.2023

Maria Stepanova

Die russische Schriftstellerin, Lyrikerin und Essayistin Maria Stepanova wurde 1972 in Moskau geboren. Sie studierte am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau und debütierte zunächst als Lyrikerin. Ihre Gedichte erschienen in namhaften Zeitschriften sowie in Einzelausgaben, ihre theoretischen Texte in verschiedenen Essaysammlungen.

Ihr philosophisch-dokumentarischer Roman »Pamjat pamjati« [2017; dt. »Nach dem Gedächtnis«, 2018] widmet sich dem Thema individueller Erinnerungen. Mit einer dichten, poetischen Sprache durchmisst der »Metaroman« eine ganze Epoche und die Geschichte ihrer jüdisch-russischen Familie, deren Mitglieder der Intelligenzija angehörten und sich im 20. Jahrhundert vor den Verfolgungsmechanismen der Diktatur schützen mussten. Stepanovas Text enthält Reiseberichte, Erinnerungen, Beschreibungen von Fotografien und stellt die in Russland übliche Tendenz infrage, Erinnerungen zu instrumentalisieren oder gar zu tabuisieren. Zweifel entstehen zudem hinsichtlich der Authentizität von Überlieferungen privater oder gesellschaftlicher Natur. »Dass Quellen lügen können und Erinnerung stets auch Erfindung gleicht, ist das glitschige Parkett, auf dem sich das Buch zweifelnd und tastend und doch traumwandlerisch sicher bewegt« [»NZZ«].

Übertragungen von Maria Stepanovas Gedichten ins Deutsche erschienen in »Der Körper kehrt wieder« [2020]. Auch in ihren lyrischen Texten wird eine politische Dimension deutlich, zum Beispiel in den Erwähnungen der Toten, die als Opfer der dramatischen russischen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts Gestalt annehmen – seien es die des Ersten Weltkriegs, seien es die im Donbass. In den Gedichtzyklen des Bandes »Mädchen ohne Kleider« [2022] geht es vor allem um die Inbesitznahme des weiblichen Körpers durch den männlichen Blick und die Pornografie, aber auch um die Einbindung des vergänglichen menschlichen Körpers in die Natur.

2018/19 war Stepanova Gastdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin [Siegfried-Unseld-Professur]. Im März 2022 rief sie mit anderen russischsprachigen Schriftsteller:innen dazu auf, innerhalb Russlands die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten. Stepanovas Werke wurde u. a. ins Bulgarische, Hebräische, Spanische, Italienische, Finnische, Französische und wiederholt ins Englische übersetzt, u. a. im Rahmen eines 2017 von der Zeitschrift »Sides of the World« veranstalteten Übersetzungswettbewerbs, der speziell ihrer Lyrik gewidmet war.

Für ihr Werk erhielt Maria Stepanova viele Auszeichnungen, darunter den renommierten russischen Literaturpreis »Bolschaja kniga« [2018] und, zusammen mit ihrer Übersetzerin Olga Radetzkaja, den Literatur- und Übersetzerpreis »Brücke Berlin« [2020]. Von 2007 bis 2012 leitete sie das Internetportal OpenSpace.ru. Danach wurde sie Chefredakteurin von Colta.ru, einer Internetzeitschrift für Kultur, Gesellschaft und Politik. Die Autorin lebt in Moskau.

Stand: 2022